Die Stadt Salzwedel hat einen Jahresempfang gegeben. Und es gab eine Sensation!
Wow, eine Sensation? Bringt ein Investor neue Arbeitsplätze in die Stadt? Konnte Dieter Bohlen als Veranstalter für das Hansefest gewonnen werden? Wurde ein amtliches Baumkuchen-Rezept verraten?
Immer mit der Ruhe! Eine Pressemitteilung der Stadt bezeugt, dass beim Jahresempfang über Wichtiges gesprochen wurde: Zivilschutz, Katastrophenvorsorge, Notarztversorgung – alles Dinge, die ganz klar für die Altmärker wichtig sind. Die Innenministerin sprach lange mit Feuerwehrleuten, die Europa-Abgeordnete warb für, nun ja, Europa. Die Geschäftsleute und Unternehmen der Region wurden gelobt, Musiker waren da, ein Weltmeister im Jiu-Jitsu durfte sich ins Goldene Buch der Stadt eintragen.
Aber Sensation?
Die "Volksstimme", die örtliche Tageszeitung, hat vom Jahresempfang nichts von alledem oben berichtet. Nein, sie berichtet nur von eben jener Sensation:
ZitatDas war die Sensationsnachricht beim Jahresempfang der Hansestadt Salzwedel am Freitagabend: Tobias Seiling, Facharzt für Haut- und Geschlechtskrankheiten, kommt zurück in die Stadt!
Der Hautarzt kehrt zurück!
Wenn es nicht so traurig wäre, dass das eine Meldung – noch dazu eine Sensationsmeldung – wert ist, könnte man darüber lachen. Aber es bleibt: traurig. Und exemplarisch für den Hautarzt-Mangel in inzwischen so vielen Landkreisen.
Der Hautarzt Tobias Seiling hatte die Praxis in Salzwedel im Jahr 2022 in Richtung Bitterfeld verlassen. In der Altmark gab es daraufhin für Kassenpatienten nur noch eine Hautarztpraxis: in Stendal. Jetzt kehrt der Hautarzt zurück – und wird als Sensation gefeiert.
ZitatSalzwedels Bürgermeister Olaf Meining zeigte sich beim Jahresempfang sehr erfreut über diese neue Entwicklung und bereitete Tobias Seiling einen herzlichen Empfang.
Kein Einzelfall – sondern System
Was Salzwedel erlebt hat, ist kein Pech und auch kein Zufall. Es ist ein strukturelles Problem, das große Teile Ostdeutschlands – und zunehmend auch den Westen – betrifft. Das bestätigt der Berufsverband der Deutschen Dermatologen (BVDD) mit Zahlen, die er Ende Februar 2026 auf einer Fachpressekonferenz vorgestellt hat.
In Sachsen etwa verzeichnen 19 von 25 dermatologischen Planungsregionen einen Rückgang des Versorgungsgrades in den letzten zehn Jahren. Die Extrembeispiele sprechen für sich: Die Kreisregion Löbau-Zittau kommt heute auf einen Versorgungsgrad von gerade mal 15 Prozent – 2016 waren es noch 122 Prozent. In Annaberg lag der Wert 2016 bei 161 Prozent, heute sind es 60 Prozent. Wo früher mehr als genug Hautärzte praktizierten, ist heute kaum noch jemand da.
Was sind Planungsregionen?
Deutschland ist für die Planung von Arztpraxen in Regionen aufgeteilt – meist entsprechen diese einem Landkreis oder einer kreisfreien Stadt. Für jede dieser Regionen berechnet die zuständige Kassenärztliche Vereinigung, wie viele Hautärzte die Bevölkerung dort eigentlich bräuchte. Das Ergebnis ist der Versorgungsgrad. 100 Prozent bedeutet: alles im Lot. 15 Prozent bedeutet: Es ist fast niemand mehr da.
Was das für Patienten bedeutet
„Wenn Planungsbereiche Versorgungsgrade im unteren zweistelligen Bereich aufweisen, bedeutet das für Patientinnen und Patienten weite Wege, lange Wartezeiten, verzögerte Diagnostik und vermeidbare Krankheitsprogression", sagt BVDD-Präsident Dr. Ralph von Kiedrowski.
Das trifft eine Bevölkerung, die eigentlich mehr Hautärzte bräuchte als früher – nicht weniger. Allein beim hellen Hautkrebs rechnen Experten für 2025 mit rund 320.000 Neuerkrankungen in Deutschland. Dazu kommen chronisch-entzündliche Erkrankungen wie unsere Psoriasis oder die Neurodermitis, die eine dauerhafte fachärztliche Betreuung brauchen. Wer keinen Hautarzt in der Nähe hat, wartet länger – und erkrankt dadurch im Zweifel schwerer.
Warum fehlen die Hautärzte?
Das Problem hat mehrere Wurzeln.
- Viele Praxen stehen vor einer ungeklärten Nachfolge. Ältere Ärzte gehen in Rente und finden keinen Nachfolger. Junge Fachärzte zieht es in die Städte – dort gibt es bessere Infrastruktur und flexiblere Arbeitsmodelle. Auf dem Land bleibt die Lücke.
- Das aktuelle Vergütungssystem belohnt laut BVDD-Präsident Kiedrowski viele einfache Fälle mehr als wenige schwere. Das klingt absurd, ist aber so. Eine Praxis muss wirtschaftlich überleben – und das gelingt leichter mit vielen unkomplizierten Patienten als mit wenigen aufwendigen. Von Kiedrowski fordert deshalb eine Umkehr: „Es muss sich wieder lohnen, aufwendige Fälle zu versorgen."
Was der Berufsverband fordert
Der BVDD hat konkrete Forderungen.
Erstens soll der direkte Zugang zum Hautarzt erhalten bleiben – ohne Überweisung vom Hausarzt. Das gilt vor allem für Menschen mit chronischen Hauterkrankungen wie Psoriasis, für Allergiker und für Patienten, die bereits einen Hauttumor hatten oder an Krebsvorstufen leiden.
Zweitens soll das Hautkrebsscreening auch in einem künftigen Primärarztsystem ohne Überweisungspflicht zugänglich bleiben.
Und drittens sollen Kleinigkeiten wie Warzen oder Fußpilz künftig nicht mehr beim Hautarzt landen, damit die knappen Termine für ernste Erkrankungen frei bleiben.
Zur Nachwuchsförderung hat der BVDD vor 15 Jahren die Arbeitsgruppe „Junge Dermatologen" (JuDerm) gegründet. Außerdem gibt es seit Kurzem eine zertifizierte Fortbildung zur „Dermatologischen Fachassistenz" – damit Arzthelferinnen und Arzthelfer die Hautärzte gezielt entlasten können.
Salzwedel als Symbol
Der Jubel über die Rückkehr vom Hautarzt Tobias Seiling zeigt, wie tief das Problem sitzt. Dass eine Stadt eine Hautarztpraxis wie eine Rarität feiert, sagt mehr über den Zustand der Gesundheitsversorgung auf dem Land aus als jede Statistik. Für Menschen mit Psoriasis, Neurodermitis oder Hautkrebsrisiko ist ein wohnortnaher Hautarzt keine Selbstverständlichkeit mehr – sondern mancherorts schon ein Glücksfall.

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