Aktuelles zur Therapie am Toten Meer

Update 2019

Wenn über Therapien im Bereich der Schuppenflechte berichtet wird, geht es meist um neue Medikamente. Selten hört man jedoch etwas über die Klima-Therapie am Toten Meer. In einem Ratgeber beschreibt ein Betroffener sehr pragmatisch, was bei einer Klima-Therapie im israelischen Ein Bokek zu beachten ist. Wir haben das zum Anlass genommen, die Informationen über diese Therapie zu aktualisieren.

Bernd Höcker fährt seit 2007 jedes Jahr für vier Wochen ans Tote Meer – immer an den gleichen Ort, immer ins gleiche Hotel und immer betreut vom gleichen Medizin-Zentrum. Wer so erfahren ist, kann gute Tipps geben – von der Antragsstellung über die Anreise, die Unterkunft, die Sonnenbäder bis hin zur Abreise. Der Text ist leicht verständlich und wirkt nie belehrend. Er beschreibt ausführlich, wie er persönlich seine Klima-Therapie angeht. Das ist hilfreich, vor allem für diejenigen, die noch nie zur Behandlung ihrer Schuppenflechte am Toten Meer in Israel waren.

Kostenübernahme

Der Autor weist gleich zu Beginn darauf hin, dass es oft nur mit juristischen Mitteln möglich sei, einen Klima-Aufenthalt bezahlt zu bekommen. Seine Ausführungen erscheinen uns aber zu ungenau. Deshalb hier der Sachstand 2019, wie er uns vom Reiseveranstalter Michael Häckel mitgeteilt wurde: Inzwischen zahlen die meisten gesetzlichen Krankenkassen (GKV) in Deutschland die Therapie am Toten Meer – aber nur dann, wenn sie zuständig sind. Soll heißen, die Kassen übernehmen diese Kosten nur für Versicherte, die keine Rentenversicherungs-Beiträge zahlen müssen. Das sind vor allem Kinder und Jugendliche, Studenten, Rentner und freiwillig Krankenversicherte. Auch die Beihilfe für Beamte trägt diese Kosten.

Für Reha-Maßnahmen von Arbeitnehmern ist dagegen die Rentenversicherung (DRV) zuständig. Denn dabei geht es um die „Wiederherstellung der Arbeitsfähigkeit“. Die DRV zahlt den Aufenthalt am Toten Meer nicht. Wir kennen nur wenige Gerichtsurteile, bei denen sie zur Kostenübernahme verurteilt wurde (siehe Aufstellung am Ende). Wer klagt, muss nachweisen, dass bisherige Therapien und Medikamente individuell erfolglos waren („Therapieresistenz“). Oder sie dürfen nicht angewendet werden, zum Beispiel wegen anderer Erkrankungen oder Unverträglichkeiten. Dieser Nachweis wird immer schwerer zu führen sein, weil es inzwischen für die innerliche Therapie 17 verschiedene Wirkstoffe gibt; davon sind elf Biologika.

Einschränkungen des Buchs

Buchcover

Man merkt, dass der Autor von der Klimatherapie am Toten Meer völlig überzeugt ist. Deshalb werden Vor- und Nachteile nicht abgewogen. Weil er nur über die Therapie auf der israelischen Seite des Toten Meers schreibt, erfährt man nichts über die Möglichkeiten in Jordanien. Auch erwähnt er nicht, dass man die Therapie organisiert in einer Gruppe durchführen kann.

Abheilungserfolge und Risiken

Der Autor stellt die Therapie am Toten Meer als höchst wirkungsvoll und frei von Nebenwirkungen dar. Dass sie effektiv ist, wird in mehreren Studien bestätigt. Die umfangreichste stammt aus 2011. Wir haben darüber ausführlich berichtet: Es wurden 605 Patienten untersucht. Bei 94 Prozent hatte sich die Schuppenflechte um 75 Prozent gebessert (PASI 75); bei 73 Prozent sogar um um 95 Prozent (PASI 95). Diese Ergebnisse sind im Vergleich zu aktuellen Psoriasis-Medikamenten gut bis sehr gut. Hinzu kommen die heilenden Wirkungen der mineralisch angereicherten Luft.

Doch kann eine intensive, meist über Jahre aufgenommene Sonnenbestrahlung tatsächlich „völlig nebenwirkungsfrei“ sein? Grundsätzlich gilt, dass die Haut nichts vergisst. Denn sie verkraftet insgesamt nur eine bestimmte, lebenslang aufgenommene UV-Menge. Viele Jahren später können dann Lichtschäden wie Hautalterung, aktinische Keratosen bis hin zum Hautkrebs auftreten. Am Toten Meer jedoch bestehe „ein geringeres Risiko von Fotoschäden“ , heißt in den Studien. 419 Meter unter dem Meeresspiegel würden die kürzeren UV-Strahlen herausgefiltert. Die aber seien für die Haut am schädlichsten. Außerdem liege wegen der hohen Temperaturen ständig ein Dunstschleier von Salzen und Mineralien über dem Toten Meer. Auch dadurch werde das Sonnenlicht weiter abgeschwächt. Gibt es am Toten Meer tatsächlich „Wirkung ohne Nebenwirkung“? Immerhin können die UV-Strahlen dort auch Sonnenbrände verursachen, z.B bei sehr Hellhäutigen. Uns ist keine Studie bekannt, in der Haut-Patienten nach 20 bis 30 Jahren untersucht wurden, wenn sie sich regelmäßig am Toten Meer Klima behandeln ließen. Denn auch „ein geringeres Risiko“ kann zu Nebenwirkungen führen, wenn auch seltener.

Die Frage nach Nebenwirkungen stellt sich ebenso bei der Lichttherapie in Klinik oder Hautarztpraxis. Bestrahlungsexperten verweisen auf ihre Erfahrungen: Unter ihren Patienten mit Lichtschäden gäbe es keine auffällig große Gruppe derjenigen, die früher mit einer Lichttherapie behandelt wurden. Eine systematische Langzeit-Studie dazu fehlt aber nach wie vor.

Hauptargument: Medikamenten-Nebenwirkungen

Befürworter der Klima-Therapie weisen stets nachdrücklich darauf hin, dass Psoriasis-Medikamente starke Nebenwirkungen hätten. Auch der Autor berichtet von Fällen. Aber solche Einzel-Beispiele schüren vor allem eines: die allgemeine Angst vor Medikamenten. Dahinter steckt oft auch ein tiefes, durchaus berechtigtes Misstrauen gegenüber Pharmafirmen. Denn fast alle, die Psoriasis-Medikamente anbieten, sind auch regelmäßig in Skandale verwickelt. Deshalb gibt es Betroffene, die pharmazeutische Präparate grundsätzlich ablehnen.

Es ist bekannt, dass stark wirkende Präparate mehr oder weniger schwere Nebenwirkungen haben können. Trotzdem lassen sich viele damit behandeln. Denn sie leiden unter ihrer Schuppenflechte und wollen möglichst erscheinungsfrei werden. Es gibt typische, häufig auftretende Nebenwirkungen und solche, die selten bis extrem selten sind. Fast alle aber kann man behandeln. Vor allem: wer solche Medikamente bekommt, wird regelmäßig kontrolliert. Ihre sehr gute Wirkung lässt die meisten das Risiko eingehen – hoffend, dass man selbst nicht davon betroffen wird.

Wie lange hält die Abheilung?

Der Autor betont immer wieder, durch die Klima-Therapie am Toten Meer heile auch eine schwere Psoriasis „völlig“ ab. Seine eigene Geschichte zeigt, dass es in Wirklichkeit komplizierter ist: Im Buch sehen wir Fotos, wie er vor und nach einer 4-wöchigen Klima-Therapie ausgesehen hat. Er berichtet aber auch, dass er jedes Jahr diese Therapie wiederholt. Das bedeutet, er ist nur begrenzte Zeit erscheinungsfrei. Irgendwann bricht seine Schuppenflechte wieder voll aus und er muss erneut ans Tote Meer fahren.

Wie lange die Wirkung anhält, ist individuell sehr unterschiedlich. Die wohl aufwendigste Studie spricht von durchschnittlich 6 ½ Monaten. In einer anderen hielt der therapeutische Effekt acht Monate an; die ersten Stellen traten aber schon nach sechs Monaten wieder auf.

Anders bei einer medikamentösen Behandlung: Hat man das richtige Präparat gefunden, ist man so lange mehr oder weniger erscheinungsfrei, bis man den Wirkstoff absetzt. Es gibt Medikamente, die im Laufe der Zeit schlechter wirken; bei anderen bleibt der Erfolg erhalten. Die meisten Betroffenen wollen möglichst dauerhaft erscheinungsfrei sein, ohne wiederkehrende Schübe. Vor allem für schwere Fälle bedeutet das, dass sie dadurch endlich ein normales Alltagsleben führen können.  

Nachteile der Therapie am Toten Meer

Eine Klimatherapie am Toten Meer ist sehr zeitaufwendig: Nicht jeder kann oder will sich einmal im Jahr dafür vier Wochen freinehmen. Es fordert viel Geduld, nichts anderes zu tun, als stundenlang in der Sonne zu liegen. Hinzu kommt die Situation im Hotelzimmer. Der Autor beschreibt, dass die Krankenkasse nur ein Doppelzimmer bezahlt, der Einzel-Zuschlag sehr hoch sei und die Räume sehr klein wären. Gleichzeitig sieht er das Zimmer aber als „Therapieort“: Darin will er sich entspannen, erholen und nachts mineralreiche Luft atmen. Das ist sicherlich mit einem völligen Fremden in vier Wochen nicht immer einfach.

Ein Bokek ist kein Kurort, sondern hat sich überwiegend zu einem Wellness-Bad entwickelt. Die Patienten mit Hautkrankheiten sind dort in der Minderheit. So hat sich eine Patientin in der Zeitschrift PSO aktuell 4/2016 beklagt: „kaum noch deutsche Patienten; die meisten Hotels in russischer Hand für Wellness-Kunden“. Für den Autor sind die vielen russischen Touristen vor allem eine Sicherheit dafür, dass der Ort nicht von Palästinensern angegriffen wird. Der Reiseveranstalter Michael Häckel meinte dazu: „Zwischen Mitte März bis Mitte November sind speziell im Hotel Lot pro Monat 60 bis 180 deutsche und österreichischen Patienten zur Behandlung. So findet in der Regel ein deutscher Patient sehr schnell Anschluss“.

Im Buch erfährt man nicht, wie man sich mit seinen sichtbaren Hauterscheinungen unter den Erholungssuchenden fühlt. Gibt es scheele Blicke, Kommentare oder interessiert das niemanden?

Nachbemerkungen zum Buch

Das Buch von Bernd Höcker ist voller praktischer Hinweise und liest sich flüssig. Etwas mehr kritische Distanz hätte dem Ratgeber aber gut getan. Sachlich völlig unnötig, deutet der Autor seine persönliche Gesinnung an: Er habe ein Uni-Studium als „Junggeselle der Künste in Rechtswissenschaft“ abgeschlossen. So sprechen diejenigen, die das www als „Weltnetz“, die homepage als „Heimatseite“ und den touchscreen als “Berührungsbildschirm“ bezeichnen. Er erwähnt sein Engagement gegen die GEZ, einem Hassobjekt derjenigen, die den Öffentlich-rechtlichen Rundfunk schwächen wollen. Die Aufklärungsplattform Psiram bezeichnet ihn unter anderem als „Verschwörungs-Ideologen“.

Das Psoriasis-Netz verlost seine zwei Ansichts-Exemplare. Bitte schreibe uns bis Mitte Oktober 2019, weshalb Du den Ratgeber „ unbedingt“ haben willst. Wir wählen dann die zwei orginellsten Antworten aus. Teilnehmen ist ganz einfach: Du schreibt Deine Antwort unten in die Kommentare. Die kann niemand anderes lesen, weil sie ja erst freigegeben werden müssen. Die Kommentare zur Verlosung werden natürlich nicht veröffentlicht! Wer nicht im Psoriasis-Netz registriert ist, sollte hinzuschreiben, wie wir sie oder ihn erreichen.

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Über Rolf Blaga 155 Artikel
Rolf Blaga hat bis 2012 als Studienrat in Berlin am Oberstufenzentrum Gesundheit unterrichtet. Seit 1993 ist er aktiv in der Psoriasis-Selbsthilfe tätig, sowohl regional im Psoriasis Forum Berlin als auch überregional in der Psoriasis Selbsthilfe Arbeitsgemeinschaft.

3 Kommentare

  1. Hallo ich war viele Jahre wegen Psoriasis in Ein Bokek zur Kur aber seit die Russen das Hotel Lot übernommen haben, gehe ich nicht mehr hin, obwohl ich es notwendig hätte. Es ist schon schade da hier für mich immer ein Erfolg zu verbuchen war und ich mindestens 6-7 Monate erscheinungsfrei war, aber 4 Wochen mit Leuten im Hotel leben, die sich nicht in Ordnung halten können, muss ich mir trotz schwerer Pso nicht antun.

    • Hallo Bertold! Was Du andeutest, kennt man ja auch aus anderen touristischen Hochburgen: verschrien sind z.B. die Deutschen, die auf Mallorca Party machen, bis sie umfallen, die Engländer, die z.B. in Krakau „Sauforgien“ veranstalten oder die Inder, die in österreichischen Berghotels das Mobiliar so traktieren, dass es nach jeder Saison völlig ausgetauscht werden muss.

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