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  • Claudia Liebram
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    Claudia Liebram

    Wenn die Seele auf die Haut schlägt: Psoriasis und Stress

    Kennt ihr das? Der Abgabetermin rückt näher, der Chef macht Druck – und plötzlich juckt und rötet sich die Haut stärker als sonst. Für viele Menschen mit Psoriasis ist das Alltag. Stress und Schuppenflechte hängen enger zusammen, als die meisten ahnen. Wissenschaftler forschen intensiv an diesem Zusammenhang – und die Ergebnisse sind eindeutig.

    Was passiert im Körper bei Stress?

    Wenn wir Stress wahrnehmen, schaltet unser Körper innerhalb von Sekunden in den Alarmzustand. Das autonome Nervensystem springt an und schüttet Adrenalin und Noradrenalin aus. Diese Stoffe kennt fast jeder: Sie machen uns wach, schnell und angespannt. Was viele nicht wissen: Adrenalin und Noradrenalin wirken auch direkt auf das Immunsystem. Sie reizen bestimmte Zellen im Körper – die sogenannten Mastzellen. Diese Zellen reagieren darauf wie ein angestupstes Wespennest: Sie öffnen sich und lassen Entzündungsstoffe frei. Der ganze Körper gerät dadurch in einen leichten Entzündungszustand.

    In einer zweiten Phase wird das Hypothalamus-Hypophysen-System aktiviert. Das führt dazu, dass die Nebennierenrinde Cortisol ausschüttet – das bekannte „Stresshormon”. Cortisol hemmt die Barrierefunktion der Haut und macht sie durchlässiger und anfälliger für Entzündungen.

    Der direkte Draht: Gehirn, Nerven und Haut

    Haut und Gehirn haben etwas Faszinierendes gemeinsam: Beide entwickeln sich aus demselben embryonalen Gewebe – dem sogenannten Ektoderm. Das erklärt, warum emotionale Belastung so direkt auf der Haut spürbar wird.
    Bei Stress schüttet das Gehirn einen besonderen Botenstoff aus: Substanz P. Dieser bindet an den Neurokinin-1-Rezeptor (NK1-R) in der Haut und löst dort eine Entzündungsreaktion aus.  Gleichzeitig steigt die Produktion von Entzündungsmolekülen wie IL-17A, IL-22 und TNFα – allesamt Stoffe, die dafür bekannt sind, Psoriasis zu verschlimmern.

    Eine wichtige Studie

    Lange war bekannt, dass Psoriasis-Betroffene Stress als Auslöser wahrnahmen. Den direkten Beweis im lebenden Organismus gab es aber lange nicht. Auf dem Europäischen Dermatologie-Kongress EADV 2024 in Amsterdam stellte eine Forschergruppe um Professor Amos Gilhar eine bahnbrechende Studie vor.

    Die Forscher verpflanzten menschliche Hautproben auf Mäuse und erzeugten so Psoriasis-ähnliche Entzündungen. Nachdem die Symptome vorübergehend mit einer speziellen Creme gelindert wurden, setzten die Wissenschaftler die Mäuse für 24 Stunden akustischem Stress aus.  Das Ergebnis: Bei allen Mäusen kehrte die Psoriasis innerhalb von 14 Tagen zurück. Erstmals wurde damit im lebenden Organismus bewiesen, dass Stress direkt einen Psoriasis-Schub auslösen kann.

    Zahlen, die für sich sprechen

    Der Zusammenhang zwischen Stress und Psoriasis ist kein Randphänomen. In 31 bis 88 Prozent der Fälle berichten Betroffene, dass Stress ihre Psoriasis auslöst.  Außerdem ist Psoriasis signifikant häufiger bei Menschen, die im vorigen Jahr ein stressiges Ereignis erlebt haben. Die Dermatologin Dr. B. Levy Garel bringt es auf den Punkt: „Psoriasis ist die einzige Hautkrankheit, bei der die Rolle von Stress als begünstigender Faktor für das Auftreten von Läsionen klar nachgewiesen ist.”

    Der Teufelskreis: Wenn Psoriasis selbst Stress macht

    Und jetzt kommt das Tückische: Psoriasis entsteht durch Stress – aber sie macht auch Stress. Das ist ein echter Teufelskreis.
    Viele Betroffene kennen das: Die Haut verändert sich sichtbar, andere Menschen reagieren mit Ablehnung oder Ekel – oft aus purer Unwissenheit. Diese Erfahrungen können das Selbstwertgefühl schwächen und dazu führen, dass Betroffene soziale Aktivitäten meiden. Sport, Schwimmbäder, gesellige Abende – all das kann zur Belastung werden.  Und die soziale Ausgrenzung verstärkt den Stress. Mehr Stress bedeutet neue Schübe. Neue Schübe bedeuten mehr Stress.

    Diplom-Psychologin Julia Scharnhorst erklärt das so: „Wir Menschen sind soziale Wesen und fühlen uns am wohlsten in einer stabilen Gemeinschaft. Ausgrenzung schmerzt und belastet uns daher sehr stark.”  Studien zeigen, dass Menschen mit Psoriasis überdurchschnittlich häufig an psychischen Erkrankungen wie Depressionen, Schlaflosigkeit oder Angststörungen leiden.

    Die Gehirn-Haut-Achse – kurz erklärt

    Wissenschaftler sprechen heute von der sogenannten „Brain-Skin Axis” – der Gehirn-Haut-Achse.  Dahinter steckt die Erkenntnis, dass Nervensystem, Hormonsystem und Immunsystem kein getrenntes System sind, sondern ständig miteinander kommunizieren.  Bei Psoriasis ist diese Verbindung besonders ausgeprägt. Die HPA-Achse – also das Zusammenspiel von Hypothalamus, Hypophyse und Nebennierenrinde – spielt dabei eine zentrale Rolle.

    Hoffnung aus dem Labor: Das Medikament Aprepitant

    Die gute Nachricht aus der EADV-Studie: Der Teufelskreis lässt sich möglicherweise medikamentös unterbrechen. In demselben Experiment testeten die Forscher das Medikament Aprepitant.  Dieses Mittel wird normalerweise gegen Übelkeit eingesetzt – es blockiert aber auch den Neurokinin-1-Rezeptor, der bei stressbedingten Entzündungen eine Schlüsselrolle spielt.

    Das Ergebnis war vielversprechend: Bei 80 Prozent der gestressten Mäuse verhinderte Aprepitant, dass die Psoriasis zurückkehrte.  Professor Gilhar kommentierte: „Diese Forschung zeigt, wie stark der Zusammenhang zwischen Nervensystem und Immunsystem bei Psoriasis ist. Wir müssen Stress als Auslöser für Schübe ernst nehmen.”

    Aprepitant blockiert allerdings nicht alle stressbedingten Mechanismen – andere Stresshormone wie das Corticotropin-Releasing-Hormon (CRH) bleiben weiterhin aktiv. Deshalb könnte es in Zukunft sinnvoll sein, verschiedene Therapien zu kombinieren.  Aprepitant ist derzeit noch kein zugelassenes Psoriasis-Medikament. Weitere klinische Studien müssen zeigen, ob und wie es beim Menschen eingesetzt werden kann.

    Was du selbst tun kannst

    Auch wenn ein Wundermittel noch auf sich warten lässt, gibt es heute schon viele Möglichkeiten. Stressbewältigung kann ein fester Bestandteil des Umgangs mit Psoriasis sein – und tatsächlich die Symptome verbessern.  Hier sind sechs bewährte Strategien:

    1. Entspannungstechniken wie Meditation, Atemübungen oder Progressive Muskelentspannung
    2. Sport und Bewegung: Körperliche Aktivität fördert die Ausschüttung von Endorphinen und baut Anspannung ab
    3. Yoga und Akupunktur können dabei helfen, den Geist in schwierigen Alltagssituationen zu beruhigen
    4. Psychosoziale Therapie: Bei starker Belastung ist professionelle Unterstützung sinnvoll
    5. Selbsthilfegruppen: Austausch mit anderen Betroffenen stärkt und entlastet
    6. Reha: Möglichst in einer Klinik, die körperliche und psychische Aspekte verbindet

    Außerdem gilt: Auch die erfolgreiche medizinische Behandlung der körperlichen Symptome hat nachweislich positive Auswirkungen auf die Psyche.  Beides gehört zusammen.

    Reden hilft: Sprich mit deiner Ärztin oder deinem Arzt

    Wer einen Zusammenhang zwischen Stress und eigenen Schüben bemerkt, sollte das unbedingt beim nächsten Arzttermin ansprechen. Die Behandlung kann dann gezielt psychische Faktoren einbeziehen.  Das ist keine Schwäche – sondern kluge Medizin. Psoriasis ist eine komplexe Erkrankung und verdient eine ganzheitliche Behandlung, die Körper und Seele gleichermaßen im Blick hat.

     


    Fachbegriffe erklärt

    Neurogene Entzündung: Das bedeutet, dass das Nervensystem durch Stress Botenstoffe ausschüttet, die Entzündungen im Körper verursachen. Bei Psoriasis führt dies zu einer Überreaktion des Immunsystems und verschlimmert die Krankheit.

    Substanz P: Ein spezieller Botenstoff, der bei Stress freigesetzt wird und eine Entzündung auslösen kann. Substanz P bindet an den NK1-Rezeptor und aktiviert das Immunsystem, was zu einer Verschlimmerung der Psoriasis führen kann.

    Aprepitant: Ein Medikament, das normalerweise gegen Übelkeit eingesetzt wird. Es blockiert einen wichtigen Rezeptor (NK1-R), der bei stressbedingten Entzündungen eine Rolle spielt. In der Studie konnte Aprepitant helfen, Psoriasis-Schübe zu verhindern.

    EADV: Die European Academy of Dermatology and Venereology (EADV) ist eine Organisation von Fachleuten auf dem Gebiet der Haut – also von Forschern und anderen Experten. Sie hat mehr als  11.000 Mitglieder. Der jährliche EADV-Kongress ist ein zentraler Treffpunkt der Experten, um Wissen auszutauschen und neue Forschungsergebnisse zu präsentieren. Der Kongress 2024 findet vom 25. bis 28. September in Amsterdam und online statt.


    Quelle: Keren, A., Zeltzer, A. A., Bertolini, M., Paus, R., & Gilhar, A. (2024). Psoriatic lesions in human skin xenotransplants in vivo are triggered by perceived stress and can be suppressed by the neurokinin-1 receptor antagonist aprepitant. Präsentriert beim  EADV-Kongress 2024.


    Über die Autorin

    Claudia Liebram ist Journalistin in Berlin. Ihre Psoriasis begann, als sie drei Jahre alt war. Sie absolvierte den Masterstudiengang "Consumer Health Care" an der Berliner Charité.

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    Bildquellen

    Anna Dziubinska / Unsplash

    Erstmals erschienen:

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    Das ist mal eine interessante Beleuchtung zwischen Pso und Stress.

    Die Frage, ob Stress Pso auslöst, kann ich nicht beantworten, aber dass er eine bestehende oder latente (noch nicht sichtbare und diagnostizierte) Pso triggern kann, kann ich in meinem Fall voll bestätigen.

    Stress in Form einer schweren Grippe, durch Kontaktunverträglichkeiten auf der Haut oder durch die Nahrung, mechanische Reizung oder auch der mentale Stress können meine Pso verschlechtern.

    Allerdings bedeutet für mich auch ein innerer Therapiezwang (für eine schöne Pso-freie Haut) einen enormen Stress! Deshalb brauche ich auch im Punkt Therapie eine große Gelassenheit (meine Pso ist zwar da, aber für mich nicht so wichtig - es gibt Wichtigeres in meinem Leben) und genug Zeit dafür (meist in der Klinik), damit meine Pso nicht übermäßig "feuert".

    Anwendungen und Therapien müssen in meinem Alltag schnell gehen, auch wenn dann durch mildere (schnellere) z.B. Cremes, Lotionen mehr von meiner Pso sichtbar ist, sonst stressen mich die Therapien zu sehr und die Haut bekommt keine Chance zur Abheilung der Entzündungen. - "So viel Therapie wie nötig und so wenig wie möglich." hilft mir bei der Abwägung wieviel ich behandeln will.

    Aprepitant, Wiki, 21.5.2024

    https://de.wikipedia.org/wiki/Aprepitant

    Aprepitant, ein Antiemetikum (gegen Übelkeit), dürfte für meinen empfindlichen Magen eher nicht geeignet sein und ich komme immer noch seit etwa 35J durch meine Verhaltensanpassungen an meine Pso auch so gut klar. (Die Akzeptanz für etwas Neues werde ich erst entwickeln, wenn es mal eine Verbesserung meiner Bewältigungsmethode geben wird.)

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