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Geschichtliches

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Antje

Stadtmauer und Kreidestrich

Mit wachsender Faszination befasse ich mich seit ca. zehn Jahren mit Grenzen – alle Sorten von Grenzen wie zum Beispiel Zäune, Absperrungen, gesellschaftlichen Grenzen wie denen zwischen „Klassen“, „Ethnien“ und „Geschlechtern“, kulturellen Grenzen z.B. zwischen „Massenkultur“ und „gehobenerer“ Kultur, persönlichen Grenzen zwischen dir und mir oder seinem und meinem und so weiter. Ausnahmslos alle Grenzen haben eins gemeinsam – sie wurden von Menschen geschaffen. Halt halt wird jemand rufen und den Zeigefinger heben, aber es gibt natürliche Grenzen wie Flüsse, Meere, Berge. Aber auch diese sind vom Menschen als Grenzen definiert. Braunbär oder Storch, Virus oder Wind wissen nichts von solchen Grenzen bzw. haben ihre eigenen. Grenzen tauchen auf und verschwinden wieder, sie werden gezogen und verschoben, überschritten und verteidigt. Konflikte entstehen meistens an Grenzen und sieht man auch nur das eine, kann man sicher sein, dass das andere nicht weit ist.

Grenzen definieren Räume – draußen/drinnen, Ausland/Inland, privat/öffentlich, gefährlich/ungefährlich usw. Und sie definieren die Menschen, die in diesen Räumen leben – Großstädter/Landei, Ausländer/Einer von „uns“, Fremder/Vertrauter, Krimineller/Anständiger.

Die sichtbarste Grenze der vormodernen Geschichte schlechthin ist die Stadtmauer. Ganz klar, wer und was von „draußen“ kam war suspekt, musste kontrolliert werden und sollte bald wieder gehen. Man war am liebsten unter sich. Ebenso war „draußen“ ein Ort der Gefahren – Schutz war notwendig. Dicke Mauern, Gräben und Wachtürme umzäunten jede Stadt. In der Stadt kannte man sich; ein enges soziales Netz sicherte jeden Bewohner ab, sein Stand definierte ihn und seine Handlungen. Ging man fehl und wurde der Stadt verwiesen, war das mit Sicherheit eine schlimme Strafe, wenn man allerdings nach der Verbannung zurückkam, war alles vergessen und vergeben und man wurde wieder voll integriert.

Jede Stadt hatte auch ihre Bettler, die als solche durch ein Schild oder ein Abzeichen kenntlich gemacht wurden. Bettler von außerhalb wurden schnell vom Bettelvoigt und seinen Knechten vertrieben – die wollte man nicht, die sollten zusehen, wo sie bleiben. So war das auch in Berlin. Die Abzeichen verschwanden irgendwann in der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts, doch die Armen waren weiterhin ein integraler Bestandteil der Berliner Gesellschaft.

Heutzutage geht man schnellstmöglich an Bettelnden vorbei, wirft vielleicht etwas Kleingeld in den Plastebecher … Oder nein, so einfach ist es doch nicht. Es gibt Unterschiede in der Wahrnehmung und Beurteilung. Wie sieht derjenige aus? Ist er arm genug? Hat er womöglich ein Holzbein, keine Arme mehr, einen halbverhungerten Hund? Singt er oder spielt er ein Instrument? Verkauft er eine Zeitung? Tut er irgendetwas, um sich das Geld zu verdienen?

Das sind kleine Überbleibsel der alten Bettelkultur, denn auch die Armen im 18. und 19. Jahrhundert mussten der Almosen „würdig“ sein. Wer aus Faulheit bettelte, um den war es schlecht bestellt. Anders als heute gab es damals keine institutionalisierte Existenzabsicherung wie Hartz 4, d.h. keine im bürokratischen/gesetzlichen Sinne. Denn für die Unterstützung der Armen waren die Reichen verantwortlich. Sie sorgten materiell und finanziell für die Armen,die ihnen wiederum dadurch die Gelegenheit gaben, ihre Wohltätigkeit, ihre Großzügigkeit und ihren Status zu demonstrieren – „moral economy“ nennt man das heute. Wer Almosen geben konnte, gehörte eindeutig zu den oberen Klassen.

Die Bettelnden hatten verschiedene Strategien, um sich die Almosen zu erwerben. Neben offensichtlichen Zurschaustellungen von Armut (Lumpen), Krankheit/Alter (gebückter Gang, Zittern etc.) und Kinderreichtum (nicht immer, aber auch hin und wieder mit geborgten Kindern ;-)) gab es andere „Nachweise“ der Bedürftigkeit. Gang und gebe waren Armutsatteste, die von Ärzten, Bürgern, Armenwächtern u.a. ausgestellt wurden und die Not der Bettelnden bestätigten:

„Daß die Witwe Schallenberg seit mehreren Jahren an einem starken Vorfall der Mutter leidet, alt, krank und schwächlich wirklich ist, Armuthswegen aus einem königl. wohl. Armen Directorio freie Kur und Medizin erhält, als Unterstützung hoch bedürftig ist, bescheinige ich derselben.“

Manch einer machte einen Broterwerb daraus, dass er schreiben konnte und verfasste für seine „Kunden“ Briefe, in denen sie adelige Personen, den König, die Königin etc. um Unterstützung anflehten. Diese Mittelsmänner oder -frauen wussten natürlich auch, wie man am besten das entsprechende Elend ausdrückte, an wen man sich wenden sollte, was bei wem besonders gut ankam usw.

Besonders gern sprach man die Adeligen im Tiergarten an. Der Tiergarten war im Laufe des 18. Jahrhunderts von einem Jagdrevier zu einer Parkanlage umgewandelt worden, die auch für die Bevölkerung zugänglich war. Hier hielt sich der Adel und die Königsfamilie ebenso auf wie die Berliner Bevölkerung. Der Tiergarten lag außerhalb der Stadtmauer und gehörte auch sonst nicht zur Stadt (es gab Gebiete außerhalb der Stadtmauer, die rechtlich zur Stadt gehörten – städtisches „Weichbild“ genannt). Eine breite Palette von Armen bewegte sich im Tiergarten – von einfach Bettelnden, über Schausteller bis zu Brezelverkäuferinnen. Offensichtlich wollte man die Masse der Bettelnden/Armen einschränken bzw. besser kontrollieren, denn man überlegte sehr angestrengt, wie man sie von dort vertreiben könne (und wer dafür überhaupt verantwortlich sei). Nach ewigem Hin und Her zwischen Polizei, Hofjäger und Armendirektion beurteilte man die Armen dort nach den Kriterien für fremde Bettler und kriminalisierte sie kurzerhand, obwohl es sich bei den Bettelnden um Berliner und Berlinerinnen handelte (Betteln war eigentlich verboten, nur interessierte das sonst niemanden – das Verbot galt vor allem für fremde Bettler). Ob sie bedürftig waren oder nicht wurde nicht mehr überprüft und spielte auch keine Rolle mehr. Sie wurden von der Polizei verhaftet und ins Arbeitshaus bugsiert. Dieselben Berliner Armen wurden innerhalb der Stadtgrenzen jedoch nach wie vor respektvoll behandelt und ihre individuelle Lebensgeschichte wurde in Betracht gezogen.

Im Laufe des 19. Jahrhunderts schob sich immer mehr Bürokratie zwischen die Armen und die Wohltätigen. Für die Armenunterstützung war die Armendirektion zuständig, die sich unermüdlich dafür einsetzte, dass die Wohltätigen ihre Spenden bei ihr ablieferte, damit sie die Kontrolle über die Verteilung erlangte. Das kommunikative und belebte Geben und Nehmen zwischen arm und reich verschwand langsam und Armut wurde zunehmend mit Fremdheit/Andersartigkeit, Verfall, Kriminalität und Gefahr gleichgesetzt. Die einstige Stadtgrenze wandelte sich (mit dem Wachstum der Stadt) in eine gesellschaftliche Grenze innerhalb der Stadt um, die Distanz und Unbehagen schaffte. Unser gesellschaftliches Erbe ;-).

So, genug abgelenkt für heute. Die Kreidestriche müssen warten. Aber der zweite Teil folgt bald. Versprochen!

Woher ich das alles weiß? Na vor allem von Dietlind Hüchtker, die eine hervorragende Dissertation geschrieben hat, die da heißt: „Elende Mütter“ und „Liederliche Weibspersonen“. Geschlechterverhältnisse und Armenpolitik in Berlin (1770-1850). Erschienen ist sie 1999 im Verlag „Westfälisches Dampfboot“.

Antje

Hode da dich uth ga …

… was so viel heißt wie „Heute gehe ich weg“ und teil eines Reisesegens war. Wer in der frühen Neuzeit, also vor dem 19. Jh. und der Erfindung der Eisenbahn, durch die Lande reiste, musste zurecht um Leib und Leben fürchten, denn Seuchen, Krankheiten und Räuberbanden machten oft kurzen Prozess mit den Reisenden. Dementsprechend langwierig fiel der Abschied von Daheim aus. Man musste die finanziellen Angelegenheiten regeln, den Reisesegen des Priesters und Empfehlungs- und Begleitschreiben der Obrigkeiten einholen (wenn man gut durch die politische Vielfalt des Reiches kommen wollte) und zuletzt die Angehörigen und Freunde trösten und verabschieden. Es gab allerlei Ratschläge wie eine Reise vorzubereiten und zu absolvieren sei: wenig Gepäck, ein paar Sprachkenntnisse, gutes Schuhwerk, kein Reiseaufbruch am Karfreitag, eher im Frühjahr als im Winter reisen, im Wald nicht schlafen (Äste könnten auf einen herabfallen, mitunter auch geleitet von Räuberhand), eine Landkarte mitnehmen (soweit vorhanden) und diese auch verbessern und (mein Lieblingstipp) sich mit den unterschiedlichen Währungen vertraut machen. Für jemanden, der beispielsweise nach Frankreich reiste, sah das so aus (die Kaufkraft der Münze richtete sich nach ihrem Realwert, also nach dem tatsächlichen Edelmetallgehalt):

Die Münzen in ganz Frankreich sind ganze und halbe Sonnenkronen in Gold, eine gilt drei Franken oder sechzig Stüber; die geringste Münze ist ein Denar oder Heller, von denen zwölf Stüber ausmachen. Ferner werden auch in Frankreich neben den Stübern gemünzt Silberstücke zu dreißig Pfennigen, desgleichen Viertel von Dickpfennigen, Kreuzdicken, halben und ganzen Dickpfennigen und Kreuzdicken. Und gilt ein Franken zwanzig Stüber oder zehn Schweizer Batzen […] – Originalquelle aus dem Jahr 1599

Zur Not konnte man noch in ein ähnlich verwirrendes Münz-Ordnungsbuch gucken, was die Reiselaune sicherlich nicht steigerte.

Die Reise selbst ging hauptsächlich zu Fuß vonstatten (es sei denn man war reich und in Besitz eines Pferdes). Das blieb auch bis zur Eisenbahnreise so, denn selbst das Postkutschensystem der Familie Thurn und Taxis, das ab dem 16. Jh. eine zügige Reise durch ganz Europa möglich machte, war für viele unerschwinglich. Die tatsächlich grottenschlechten Wege und Straßen wurden von allen Sorten Reisender bevölkert. Da gab es Händler, Bauern (auf dem Weg zum oder vom Markt), Soldaten/Söldner (auf dem Weg zum nächsten Stützpunkt), Handwerker, Studenten (während der Semesterferien), junge Adlige auf Bildungsreise, Kuriere, Landstreicher usw. Touristisches Reisen gab es in dem Sinne noch nicht. Das kam erst im Laufe des 19. Jh. als sich „Freizeit“ in unserem Sinne etablierte, und natürlich mit der Eisenbahn. Allerdings gab es eine Form von Sensationstourismus, den wir heute bequem vom Fernsehsessel aus durchführen können und zwar die Reise zu Kriegsschauplätzen. Fanden Schlachten in der Nähe von größeren Städten statt, zogen Tausende während oder nach der Schlacht zum Schauplatz. Wem noch nichts für den nächsten Familienausflug eingefallen ist, lässt sich vielleicht von folgendem Bericht aus dem Jahr 1813 (nach der Aufklärung! ^^)inspirieren:

[Am 24. August 1813 war] die ganze Tour vom Halleschen Tor in Berlin bis nach Großbeeren mit einem Zug von Fourage-, Proviant- und Privatwagen besetzt; der Zug bewegte sich nur langsam und brachte eine unabsehbare Menschenmenge von der Neugierde aus Berlin heraus gelockt, nach Großbeeren, die hier ein Chaos von Menschen, Militär, Leichen, toten Pferden, Kugeln, Tornistern, Schuhen, Riemzeug etc. erblickte. Nachmittags brannten zahllose Küchenfeuer, und um fünf Uhr wurde überall umgeben von Leichnamen gespeist, und viele tausend Berliner nahmen an dem Mittagessen teil.

Wer mehr lesen will, dem empfehle ich: Gräf/Pröve: Wege ins Ungewisse: Eine Kulturgeschichte des Reisens 1500-1800.

Antje

Carolina

Nein, Carolina war kein hübsches Mädchen, das heimlich Liebestränke kochte und des nachts mit ihren Freundinnen durch die Lüfte fegte, sondern ein Gesetzestext. Offiziell hieß er „Constitutio Criminalis Carolina“ oder „Die Peinliche Gerichtsordnung Kaiser Karl V.“ (P.G.O.), wobei „peinlich“ hier sowas wie „strafen“ bedeutet (man kann also sagen, es war eine Strafgesetzordnung). Auch hat sich Karl V. nicht selber hingesetzt und über Paragraphen gebrütet, sondern war sozusagen nur Schirmherr der ganzen Angelegenheit. Ordnung in Strafangelegenheiten war nötig geworden im Heiligen Römischen Reich Deutscher Nation. Dort machte nämlich inzwischen jeder so, wie er dachte und wie ihm beliebte. Reichsstädte, Fürstentümer, Bistümer usw. hatten alle ihre eigenen Rechtsordnungen, wenn man das so nennen will. Denn eigentlich waren es weniger Ordnungen als Willkürlichkeiten. Lange Beweisführungen wie sie vorher üblich waren, wurden allmählich umgangen. Lieber folterte man den vermeintlichen Bösewicht so lange, bis er alles zugab, um ihn dann aufzuhängen, zu vierteilen, zu ertränken oder wonach einem sonst dünkte. Der Besitz (auch das Diebesgut) des Diebes/Mörders wanderte dann in die Tasche der Obrigkeit und nun muss man nicht lange 1 und 1 zusammenzählen, um zu vermuten, was da hintenrum abging. Die Carolina entstand aufgrund hunderter Beschwerden, die es über diese Willkür hagelte. In dem bunten politischen Wirrwarr des Reiches mahlten die Mühlen jedoch sehr langsam. Es vergingen ca. 36 Jahre von der ersten Klage vor dem Reichskammergericht 1496 bis zur Einigung über die einzelnen Artikel der Ordnung im Jahr 1532. Eine Einigung konnte auch nur deshalb erzielt werden, weil die Carolina dem „überkommenen“ Recht der Reichsstädte etc. den Vorrang zubilligte. Der Gesetzestext war so zwar nicht bindend, aber gewann trotzdem an Bedeutung und setze sich im Laufe der Zeit durch. Immerhin hielt er sich ca. 300 Jahre lang.

Den Text selbst habe ich nur in Teilen gelesen, denn es ist wirklich schwierig wie Ihr gleich sehen werdet. Wenn man sich die einzelnen Artikel zu bestimmten Strafverfahren durchliest, bleibt einem schon die Luft weg. Dennoch waren die Carolina-Strafen milder, als die vorhergehenden Bestrafungen. Freiheitsstrafe in dem Sinne wie heute, gab es damals noch nicht. Gestraft wurde durch Geldbußen (an die Bestohlenen, später auch an die Obrigkeit) und natürlich durch Strafen „am Leib oder Leben“ der Verurteilten. Innerhalb dieser Strafen gab es verschiedene Abstufungen. Die Verstümmelungsstrafen richteten sich vor allem nach dem Charakter der Straftat. Je nachdem wurden dann Ohren oder Zunge abgeschnitten (Kuppelei, Gotteslästerung), Hände abgehackt (Diebstahl), Finger abgeschnitten (Meineid) oder, als mildeste Körperstrafe, die Verurteilten ausgepeitscht. Bei der Todesstrafe ging man vom Kopf abhauen über erhängen, ertränken (meistens Frauen), lebendig begraben, pfählen bis zum Schlimmsten, nämlich rädern und vierteilen. Je nach Straftat konnten die einzelnen Strafen natürlich noch gekoppelt und mit weiteren Ehrstrafen „ornamentiert“ werden (z.B. Pranger, zur Richtstätte schleifen, tote Körper öffentlich ausstellen). Für die Folter schrieb die Carolina wichtige Bedingungen vor, d.h. es mussten bestimmte Indizien vorliegen, damit überhaupt gefoltert werden durfte. Damit umging man bzw. wollte man umgehen, dass ohne weiteren Beweis aus dem Angeklagten ein Geständnis herausgequält wurde. Interessant ist wirklich wie hier Strafe noch in engem Zusammenhang zur Tat steht, während ja im 19. Jahrhundert der Täter und seine Läuterung/Erziehung in den Mittelpunkt rückt.

Hier mal ein Beispiel-Artikel aus der Carolina:

Straff eygner tödtung

135. Item wann jemandt beklagt vnd inn recht erfordert oder bracht würde [vor Gericht gebracht], von sachen wegen, so er der überwunden [ihrer überführt] sein leib vnd gut verwürckt hett, vnd auß forcht solcher verschuldter straff sich selbst ertödt, des erben sollen inn disem fall seins guts nit vehig oder empfengklich [erbberechtigt], sonder solch erb vnd gütter der oberkeyt der die peinlichen straff, buß, und vell zustehn, heymgefallen sein. Wo sich aber eyn person ausserhalb obgemelter offenbaren vrsachen auch inn fellen da er sein leib alleyn verwirckt, oder sunst auß kranckheyten des leibs melancolai, gebrechlicheyt jrer sinn oder ander dergleichen blödigkeyten selbst tödtet, der selben erben sollen deßhalb an jrer erbschafft nit verhindert werden, vnnd darwider keyn alter gebrauch, gewonheiyt oder satzung statt haben, sonder hiermit reuocirt, cassirt und abgethan sein [bestand haben], vnd inn disem vnd andern dergleichen fellen, vnser Keyserlich geschriben recht gehalten werden.

Liest sich eigentlich nicht anders/schwerer als mancher Forumseintrag. Am besten ist natürlich „blödigkeyten“ – damals nannte man die Dinge eben noch kurz und griffig beim Namen bis im 19. Jahrhundert eine Wissenschaft daraus gemacht wurde.

Informationen über die Carolina habe ich aus dem Anhang zum reclam-Heft (2000) von Friedrich-Christian Schroeder.

Antje

Auch wenn es manchmal den Anschein hat, ich bin leider nicht unfehlbar. ;o) Was ich hier so selbstverständlich über grausame Strafen im Mittelalter erzählt habe, muss jetzt eine kleine Zeitverschiebung in die Frühe Neuzeit erfahren. Das ist daher so wichtig, weil die Leute im Mittelalter, denen ja immer wieder Hinterwäldlerdasein und Barbarei nachgesagt wird, damit schon genug zu tragen haben. Da mein tieferes Geschichtswissen 394 n. Chr. mit Theodosius dem Großen endet und erst wieder im 19. Jahrhundert anfängt, war für mich bisher alles dazwischen mehr oder weniger Mittelalter. Nun ist eine meiner Freundinnen Frühneuzeitlerin und belehrte mich eines besseren. Im Mittelalter strafte man zwar auch durch körperliche Züchtigung, aber das Ausmaß an zeremonieller Folterei startete erst in der Frühen Neuzeit. Das ist ziemlich interessant, denn es fällt mit der kleinen Eiszeit zusammen. Verbrechen sah man ja als Vergehen gegen die göttliche Ordnung und man fürchtete die Rache des beleidigten Gottes, die sich in Missernten u.ä. manifestierte. Das heißt, je ausgiebiger man folterte, umso barmherziger würde sich Gott (hoffentlich) zeigen. Die kleine Eiszeit brachte nun einen ganzen Schwung an Missernten und demzufolge Hungersnöten mit sich. Rechnet man noch den 30jährigen Krieg dazu, Glaubenskämpfe und was weiß ich nicht, kann man sich vorstellen, dass die Leute mit ihrem Latein am Ende waren. Teile der Körper der Hingerichteten wiederum versprachen Glück und Schutz. Etwas Blut auf die Tür gestrichen schützte vor Bränden; getrunken konnte es Epilepsie heilen, denn es vertrieb die Dämonen aus dem Körper. Abgeschnittene Finger wurden besonders gern an Bauern verkauft, die sich davon reiche Ernten und fettes Vieh versprachen.

Mit der Aufklärung und dem Wissen, dass die Gesellschaft durch keine göttliche Ordnung zusammengehalten wird, sondern durch eine Art ungeschriebenen Vertrag zwischen den Individuen (nach dem Motto, wir schließen uns vernünftigerweise zusammen und halten Regeln ein, die uns zwar einerseits in unserer Freiheit beschneiden, aber uns andererseits überhaupt erst ermöglichen, unser Leben zu genießen, da wir uns gegenseitig schützen, ernähren und fördern), änderte sich auch die Einstellung zum Verfahren der Todesstrafe. Man ging von dem Menschen als vernünftiges Wesen aus, das prinzipiell keinen Vorteil in einer Straftat sehen konnte, den der Nachteil der Strafe nicht überwog. Wer also trotzdem straffällig wurde, konnte nur als verrückt und wahnsinnig klassifiziert werden, davon war man überzeugt. Pamphlete über Pamphlete wurden darüber verfasst und die Verteidiger lachten sich ins Fäustchen und spielten psychologische Trumpfkarten aus, die ihre Mandanten für nicht zurechnungsfähig erklärten. Die Richter waren nicht blöd und rochen den Braten und verlangten ihrerseits zahlreiche Gutachten. Die Kriminalpsychologie nahm so ihren Anfang und anstatt auf das Verbrechen konzentrierte man sich von nun an auf den Verbrecher (Profiler, CSI etc. lassen grüßen). Immer weniger Todesurteile wurden ausgesprochen und noch weniger vollstreckt. Dazu kam noch, dass ein vernünftiger Mensch natürlich keine Freude an einer öffentlichen Zeremonie des Hinrichtens haben konnte und sollte. Dass die Exekution als Abschreckungsmaßnahme nicht funktionierte, sondern eher das Gegenteil hervorrief, hatte sich inzwischen erwiesen. Die öffentliche Gewalttätigkeit des Staates sanktionierte scheinbar Gewalt und der Anblick von Verstümmelungen etc. führte eher dazu, dass die Leute verrohten und nicht vor Schreck die eigenen Handlungen besser überdachten. Eine Abschaffung der Todesstrafe kam jedoch nicht infrage. Sie gehörte zur Gesellschaft wie das Amen in der Kirche. Ohne sie befürchtete man die totale Anarchie. Auch konnte man sich bei Morden (vor allem an Kindern) kein besseres Strafmaß vorstellen. Diese Zwickmühle wurde durch zwei zweckmäßige Importe behoben. La guillotine gewährte ein schnelles („humanes“), vernünftiges und unspektakuläres Töten und das amerikanische Vorbild der Exekution im nichtöffentlichen Rahmen mit einer ausgesuchten Anzahl männlicher erwachsener Zeugen gewährte die Verschleierung/ Verheimlichung der Staatsgewalt.

Unsere offenbar rein menschliche Freude an Gewaltszenen wird mittlerweile durch das Fernsehen kompensiert; ebenso kursieren genug Videos und Clips zu dem Thema, die nicht zuletzt auch Hinrichtungen bzw. Hingerichtete zeigen.

Mein Wissen habe ich aus der Habilitationsschrift von Jürgen Martschukat (klug und sexy:p) über „Inszeniertes Töten: Eine Geschichte der Todesstrafe vom 17. bis zum 19. Jahrhundert“, 2000.

Antje

Zeitreisen sind anstrengend, vor allem wenn es einen nicht an die schönen Plätze führt, sondern man eine Hinrichtungsstätte nach der anderen besucht. Wer sensibel auf die Todesstrafe reagiert, sollte hier aufhören zu lesen. Ich reagiere ja auch empfindlich auf verordneten Tod, aber wenn man Verbrechen in der Vergangenheit bearbeitet, kommt man nicht um ihn drum rum (und spannend ist es auch noch ;o)).

Also auf meiner Reise habe ich Dinge gesehen, die stellt man sich nicht in seinen schlimmsten Träumen vor. Mit dem Mittelalter assoziiert man ja gern sofort Barbarei, Gesetzlosigkeit, Rückständigkeit, Gewalt und Härte – tiefstes Mittelalter eben. Diesen arroganten Blick von oben verdanken wir unserer Wiege der Aufklärung, infolge derer wir vermeintlich der Gewalt abschworen und uns Humanité auf die Stirn und ins Herz tätowierten. Tatsächlich fand in punkto Strafsystem (unter anderem) ein langsamer Wechsel statt, der auf einem veränderten Selbstverständnis/Selbstbild beruhte. Im mittelalterlichen Rechtssystem ging man davon aus, dass die herrschaftliche Ordnung auf Erden, die Ordnung im Himmel repräsentiert. Wer gern in historischen Romanen o.ä. schmökert kennt das – Herrscher von Gottes Gnaden. Eine Überschreitung dieser Ordnung durch ein Verbrechen kam so einer Beleidigung Gottes gleich und man fürchtete seinen umgehenden Zorn. Eine Bestrafung/Rache der Untat musste demzufolge die gesellschaftliche und göttliche Ordnung wieder herstellen und stabilisieren, den erzürnten Gott besänftigen und letztendlich auch für das Seelenheil der Hingerichteten sorgen. Nicht zuletzt drohte ihnen die Gefahr der ewigen Verdammnis und das war in der Vorstellung unserer Vorfahren das Schrecklichste überhaupt. Ein Beispiel: Zum Tode Verurteilte (was tatsächlich nicht so oft vorkam) bekamen sofort nach ihrem Urteil und bis zum letzten Atemzug priesterlichen Beistand. Sie wurden so gut seelisch umsorgt und gehätschelt, dass es einige Leute zum Nachdenken brachte. Eigentlich sollten die zeitlich sehr lang und ritualisierten Hinrichtungen (wiederholter Richtspruch, brechen des Richterstabes, beten, beichten, beten, abfahren der Tatorte und dortige Malträtierung der Mörder mit glühenden Zangen, wieder beten, Ansprache an das Publikum, rädern o.ä., Ausstellung der toten Körper meist über Jahre hinweg, etc.) als Abschreckung und zur Läuterung der Untertanen dienen. Potenziellen Selbstmördern kam nun die seelische Verhätschelung recht. Brachten sie sich selbst um, würden sie für ewig in der Hölle schmoren. Wurden sie exekutiert (und vorher gehörig gefoltert, denn je größer der Schmerz, um so sicherer das Seelenheil), stand ihnen ewige Glückseligkeit bevor. Und nun passierte, was die Obrigkeit ordentlich schockte. Wer des Lebens überdrüssig war, schnappte sich ein Kind (das war noch unschuldig und kam auf jeden Fall ohne letzte Salbung in den Himmel), brachte es um und bekannte sich sofort schuldig. Das wurde so oft praktiziert, dass man dazu überging, die Hinzurichtenden nur noch in der Fronerei zu betreuen und den letzten Weg „allein“ antreten zu lassen, um keinen indirekten Selbstmord mehr zu provozieren.

Die Hinrichtungen wurden öffentlich vollzogen und waren eine Art Feiertag für die Bevölkerung. Diese strömte zu Tausenden heran, um einen Blick zu erhaschen und einfach auch, um einen schönen Tag zu haben. Es wurde getratscht und geflirtet, gelesen, gesungen und gebetet. Und zu guter Letzt wurde der Scharfrichter angefeuert und seine „Arbeit“ beurteilt. Die Hinrichtungsstätte war so gut wie möglich gesichert und ein großes Aufgebot von Soldaten präsent, denn es kam schon vor, dass der Scharfrichter vom Publikum verhauen wurde, wenn er z.B. nicht gleich den Hals getroffen hat. Wenn der Hass auf die Verurteilten groß genug war, mussten auch sie „geschützt“ werden. Wie „gut“ die Abschreckung der Hinrichtungen funktionierte, zeigte schon allein die Tatsache, dass die Diebe besonders bei diesem Spektakel zuschlugen und klauten was das Zeug hielt, während die Beklauten mit offenen Mündern die Todesangst des/der Hinzurichtenden bestaunten.

Eigentlich wollte ich an dieser Stelle fertig sein, aber ich bin wie immer abgeschweift. Also wie gehabt:

Fortsetzung folgt ….

Antje

Erleuchtung

Fast jede Frau kennt dieses frustrierende Erlebnis: Man ist einigermaßen zufrieden mit sich und der Welt bis man mit einem superschicken Rock oder ähnliches eine Umkleidekabine betritt und nackt und verletzlich im kalten Neonlicht die grausame Wahrheit im Spiegel entdeckt. Jeder „Makel“ wird bis ins kleinste ausgeleuchtet und wenn man sich wie ich meist nur von vorn sieht und kennt (was in meinem Fall auch nicht besser nur gewohnter ist), rennt man schreiend aus dem Kaufhaus ins nächste Fitnessstudio. Die Lösung dafür wäre jedoch weniger schweißtreibend und stressig, wenn man statt dieser teuflischen Beleuchtung etwas Schummerlicht in die Kabine zaubern würde. Ich habe mich oft gewundert, warum das nicht gemacht wird, denn es würde auf jeden Fall den Umsatz steigern.

Wie gut hatten es doch die Frauen vor dem 19. Jahrhundert als es entweder nur Tageslicht oder Kerzenschein gab – ersteres nicht ganz so schlimm und letzteres auf jeden Fall schmeichelhaft für den Teint und auch sonst. Erst im Zuge der Industrialisierung setzte ein Verlangen nach kompletter Erleuchtung auf sämtlichen Gebieten ein. Doch vor allem für die Straßen der rapide wachsenden Großstädte und die großen Produktionshallen war ausreichendes Licht dringend notwendig geworden. Bevor die öffentliche Beleuchtung eingeführt wurde, war es Sache und Pflicht der Hausbesitzer, ihr Haus mit einer Laterne zu erleuchten (und übrigens auch die Straße vor ihrem Haus zu pflastern, was ein ziemlich buntes Bild ergab). Ebenso musste jeder, der nachts unterwegs war, eine Laterne mitführen bzw. einen der zahlreichen Fackelträger mieten. Wer das nicht tat, wurde belangt. Die Fackelträger steckten oft mit der Polizei oder mit zwielichtigen Gestalten der Unterwelt (oder mit beiden) unter einer Decke – sie sahen viel, sie wussten viel und sehr oft löschten sie ihre Fackeln in entscheidenden Momenten und verschwanden …

Erleuchtet wurde durch Kerzen, Fackeln oder Öllampen nicht sehr viel. Eher waren sie ein Erkennungszeichen (da steht ein Haus, da geht jemand etc.) und ließen mehr im Schatten als im Hellen. Die Gasbeleuchtung setzte dem ein Ende und läutete ein neue Ära ein. Von der Stadt, die nun in regelmäßigen, immobilen Abständen und immer weitreichender erhellt wurde, zog sie in das Haus, dessen Unabhängigkeit sie zusammen mit der Wasserversorgung aufhob. Man war jetzt Teil eines öffentlichen Netzwerkes. Nicht jedermann gefiel das, was nicht nur an den häufigen Explosionen und versehentlich Vergasten lag. Das Gas genau wie der Strom kamen von außen und lösten langsam aber sicher das einstige Herdfeuer ab. Dieses war seit Jahrtausenden Symbol des Heims (und auch der Anbetung wie beispielsweise in Tempeln). Man versammelte sich abends um das Feuer oder die Kerze, aß, arbeitete, sang und erzählte sich etwas. Das Zentrum des neuen Lichts lag außerhalb. Die Familie verstreute sich nach und nach und kam erst wieder regelmäßig durch das Radio und später den Fernseher zusammen. (Ich frage mich ehrlich, was uns heute, wo in Europa fast jeder Mensch sein eigenes Radio und seinen eigenen Fernseher/Computer besitzt, noch zusammenhält bzw. zusammentreibt. Welche Notwendigkeit? Einsamkeit und Entfremdung sind mit Sicherheit Ergebnisse der Industrialisierung. Wirklich ein bitterer Preis für eine vermeintliche Freiheit.)

Wer mehr über die Entwicklung des künstlichen Lichts lesen will, dem sei ein weiteres Buch von Wolfgang Schivelbusch angeraten: Lichtblicke: Zur Geschichte der künstlichen Helligkeit im 19. Jahrhundert. Und wer in Berlin wohnt und sich für das Thema interessiert, sollte ins Märkische Museum gehen. Danach kann man sich freitags noch im Tiergarten an der Funktionsweise der Gaslaternen erfreuen. Ich werde das auf jeden Fall im Oktober machen (wenn es abends eher dunkel wird). Wer sich einklinken will, ist herzlich willkommen. :smile-alt:

Antje

Bahngeschichte - Letzter Teil

Die zweite Hälfte des 18. und die erste Hälfte des 19. Jahrhunderts ist für mich die faszinierendste Zeit in der Vergangenheit. Man erfand pausenlos neue Dinge, die anfangs oft als Unterhaltung, d.h. zum Spaß vorgeführt wurden, bis man entdeckte, dass vieles davon tatsächlich im Alltag nützlich ist (z.B. Gaslampen oder der Telegraph, der, bis ihn die Bahn neu entdeckte, langsam in der Ecke einstaubte). Vor kurzem war ich in der Babylon-Ausstellung im Pergamonmuseum und kann seitdem wieder einmal bekräftigen, dass in Europa technisch bis zum 18. Jahrhundert nicht viel passierte. Man ruhte sich einfach auf dem aus, was drei- bis fünftausend Jahre vorher entwickelt wurde. Manchmal fiel man auch dahinter zurück (z.B. in Sachen Staat und Gesetz). Was dann im 18./19. Jahrhundert kam, ging alles ziemlich flott und schon jedes Kind wollte Erfinder werden. Die Herrschaften des 19. Jahrhunderts gewöhnten sich sehr schnell an den neuen Comfort (natürlich nur die, die ihn nicht produzieren mussten). Saß man in den ersten Jahren noch wie auf Kohlen in der Bahn, weil man der Technik misstraute und schon die schlimmsten Unfälle vor Augen sah, verdrängte man später die Angst ziemlich erfolgreich und las weltmännisch entspannt seine Zeitung während man durchs Land düste. Interessanterweise hätte sich die Angst jedoch steigern müssen, denn die Unfälle infolge der Industrialisierung nahmen beständig zu. Auch die Bahnunfälle. Die Folgen durch Bahnunfälle stellte die Mediziner vor ein großes Rätsel. Sie erschienen weitaus schlimmer, als bei "normalen" Unfällen und selbst Menschen, die nicht physisch verletzt wurden, zeigten komische Symptome (Apathien, neurotisches Verhalten, Schlafstörungen etc.). Psychische Erkrankungen, Schocks, Traumata kannte man bis dahin nicht. Allem schrieb man eine physische Ursache zu. So ging man auch erstmal davon aus, dass durch den Unfall eine Erschütterung des Rückenmarks stattgefunden hat, wenn sonst nichts zu finden war. Nach und nach entwickelten die Mediziner generell eine Idee vom Unterbewusstsein und den psychischen Schäden, die speziell durch Bahnunfälle ausgelöst wurden. Die Verdrängung der Angst vor einem Unfall, die Schnelligkeit mit der das Bahnunglück passiert und dem Reisenden keine Sekunde psychischer Vorbereitung lässt, die verletzten Menschen, die Schreie, Hilferufe etc., all das löst Traumata bei den Betroffenen aus, die eine völlig neue Qualität darstellen und seitdem vor allem auch auf modernen Kriegsschauplätzen wiederzufinden sind.

Soviel zu den Schattenseiten der Bahnreise. Meine Informationen verdanke ich hauptsächlich Wolfgang Schivelbusch. Sein exzellentes Buch (Geschichte der Eisenbahnreise: Zur Industrialisierung von Raum und Zeit im 19. Jahrhundert) kann ich jedem nur weiterempfehlen. Auf dem Cover steht ausdrücklich, dass das Buch nichts für intellektuelle Spinner ist. Ich hab es trotzdem gelesen und bin begeistert. :smile-alt:

Antje

Über die Beschaffenheit des Bahnabteils hat man sich erst gar keine und später sehr viele Gedanken gemacht. Anhänger von „liberté“ „égalité“, und „fraternité“ glaubten sich fast schon am Ziel ihrer Träume: Männer und Frauen, arm und reich, alt und jung – alle in einem Abteil. Die Eisenbahn als Instrument der Demokratisierung. Aber wie das mit Idealisten so ist, während sie träumten, setzten die Bahngesellschaften, die mit solchem Unsinn nichts am Hut hatten, die Trennung schön fort. Reich saß in der ersten und zweiten Klasse, arm in der dritten und vierten. Für die ersten Klassen wurden die Abteile nach Kutschenformat (re-)konstruiert, d.h. in abgeschlossene kleine Einheiten gegliedert. Die unteren Klassen mussten sich mit großen Waggons zufrieden geben, die oft noch nicht mal überdacht waren. Zugang gab es nur von außen, eine Verbindung zwischen den Waggons existierte noch nicht. Nun passierte etwas, womit niemand rechnete, obwohl schlecht gesinnte Menschen die Isolation der Abteile bald als Gelegenheit für allerlei Schabernack erkannt haben mussten. Am 6. Dezember 1861 fuhr im Morgengrauen ein Zug im Bahnhof von Paris ein, aus dessen Abteilen eilig die Reisenden strömten, erschöpft von der langen Fahrt und mit allen Gedanken schon im vertrauten Heim. Der Bahnsteig leerte sich langsam, da fiel der Blick eines Bahnangestellten auf ein Abteil, das geschlossen geblieben war. Vermutlich war dort jemand fest eingeschlafen. Selbst schon mit den Gedanken bei einer schönen Schale Milchkaffee, einem warmen Croissant und den neuesten Klatschgeschichten der Kollegen, klopfte er lauter an die Tür des Abteils, als es sonst seine Art war. Doch nichts rührte sich im Inneren. Stille. Vorsichtig öffnete er die Tür und sah im kraftlosen Licht der abgedunkelten Abteillampe einen Körper zwischen den Sitzen liegen. Er streckte den Arm aus und berührte das Bein des Schlafenden, um ihn wachzurütteln. Erschrocken zog er ihn wieder zurück und betrachtete erstaunt seine Hand, die über und über mit Blut besudelt war.

Ja, so oder so ähnlich trug es sich zu damals, als man das erste Mordopfer in einem Bahnabteil fand. Es war der Gerichtspräsident Poinsot. Niemand hatte etwas gehört, niemand hatte etwas gesehen. Der Mörder wurde nie gefunden. Als in England im Jahre 1864 ein weiterer Abteilmord geschah, löste dies eine Massenpsychose aus. Mit der gemütlichen Reise war es vorbei. Wer in den ersten Klassen fuhr, taxierte misstrauisch über sein Reisebuch hinweg, die Mitreisenden. An Schlaf war nicht mehr zu denken. Jeder, der daheim Personal besaß, schleppte Koch, Köchin oder Gärtner mit, egal wohin, nur um nicht allein reisen zu müssen. Frauen suchten keinen Schutz mehr bei mitreisenden Männern aus Angst vor einer Vergewaltigung oder Schlimmerem und Männer mieden die Abteile allein reisender Frauen aus Angst einer Vergewaltigung oder Schlimmerem bezichtigt zu werden. Allerlei interessante Vorschläge gab es, um das Reisen sicherer zu gestalten, deren Aufzählung ich euch jedoch erspare. Eine Verbindung der Abteile durch einen Mittelgang konnte der Privatsphäre der reichen Europäer nicht zugemutet werden. Nach vielem hin und her brachte man an der Seite des Zuges einen Durchgang an, der die Isolation der Abteile bewahrte und dennoch Sicherheit schenkte. Während all dieser Zeit, als die oberen Schichten sich auf ihren Bahnreisen vor Angst fast in die Hosen machten, saßen die Passagiere der dritten und vierten Klassen gesellig beisamen, aßen, schliefen, zankten sich, lachten zusammen und erzählten sich mit gesenkter Stimme von den Morden in Frankreich und England. Einer wusste dies und der andere wusste das und allen liefen wohlige Schauer über die Rücken, froh in guter Gesellschaft zu sein.

Antje

historisches Allerlei

Nichts hat in das alltägliche Leben von Europäern so eingeschlagen wie die „Erfindung“ der Eisenbahn Anfang des 19. Jahrhunderts. Natürlich kannte man Dampfkraft schon so ca. 100 Jahre lang, aber plötzlich konnte man mit ihr Menschen und Güter in relativ kurzer Zeit von A nach B schaffen. Das war eine Sensation. Der Raum um einen herum verdichtete sich und die Zeit nahm an Geschwindigkeit zu. Musste man früher 3 Tage lang in der Postkutsche die schlechten Straßen langholpern, um die Großmutter zu besuchen, war dies nun innerhalb eines Tages zu schaffen und das völlig gleichmäßig und ohne ruckeln. Man fühlte sich wie ein Pfeil, der durch die Landschaft schoss (bei 50 km/h ;o)) oder wie im Flug, während die Landschaft am Abteilfenster vorüberhuschte (O-Ton der ersten Bahnnutzer). Für die an nur langsam wechselnde Bilder gewöhnten Augen war dies schnell ermüdend. Wer sich der Reizüberflutung entziehen wollte, las Zeitung oder ein Buch. Zusammen mit der Eisenbahn entstand ein enormer Markt für Reiselektüre. In England beispielsweise entwickelte sich Ende der 1840er ein organisierter Bahnhofsbuchhandel. Zum Teil war es auch möglich, ein Buch an einer Station auszuleihen und es bei der Ankunft wieder abzugeben (gegen Gebühr natürlich).

Was die Koordination der Fahrten anfangs erheblich erschwerte, war die Tatsache, dass keine einheitliche Zeit existierte. Jeder Ort hatte seine lokale Zeit, d.h. die zentral festgelegten Ankunfts- und Abfahrtzeiten stimmten hinten und vorne nicht (na eigentlich so wie heute). Die Bahngesellschaften bestimmten also für ihre jeweiligen Strecken eine einheitliche Zeit. Die genaue Zeit wurde dann morgens per Uhr weitergegeben (die Uhr wurde mit dem ersten Zug von Ort zu Ort weitergereicht – ob es später noch genauso war, weiß ich nicht). In England gibt es ab 1880 eine allgemeingültige Standardzeit und in Deutschland ab 1893.

Mit der Eisenbahn verknüpften die Leute auch ganz bestimmte Phantasien und Ängste. Die Kutsche wurde immer als Ort der sozialen Kontakte gesehen. Man kam sehr schnell ins Gespräch, fand Freunde und Ehegefährten. In vielen Romanen des 18. und 19. Jahrhunderts spielt die Kutsche bzw. die Gesellschaft in der Kutsche eine wichtige Rolle. Mit der Eisenbahn jedoch verband die Phantasie weniger Träume als Alpträume. Der Horror des Verbrechens rankte sich bald um das Eisenbahnabteil. Anlass dazu gaben zwei Vorfälle ………

Fortsetzung folgt

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