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Graf Duckulas Blog

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Promelkow (2)


Graf Duckula

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Schnee in der Nacht

Im winterlichen Dunkel der beginnenden Nacht und nurvom Scheinwerferlicht angestrahlt schienen die Schneeflocken eine hypnotischeMacht zu besitzen. Sie kamen langsam auf die Windschutzscheibe zu und bildetendabei ein Zentrum, von dem sich Promelkow magisch angezogen fühlte. Immerwieder zog es sein Blick dort hinein. Nur das periodisches Auf und Ab desScheibenwischers unterbrach jeweils den Bann.

Promelkow fuhr vorsichtig. Er fühlte, dass die Räder nur wenig Kontakt zurStraße hatten. Kein anderes Auto war unterwegs. Eine lange Reihe vonAlleebäumen zog bedächtig vorbei. – Ja, es kam ihm wirklich so vor, als würdenicht er, Promelkow, sich bewegen, sondern vielmehr erschien es ihm, als kämenall diese Bäume auf ihn zu. Und wie vor dem Licht der Scheinwerfer flüchtend,erhöhten sie für den Augenblick ihre Geschwindigkeit, um dann wieder langsamerwerdend hinter seinem Wagen weiterhin ihrem unbekannten Ziel zuzustreben.

Promelkow schaltete das Radio ein. Für einen kurzen Moment abgelenkt, erschraker, als er seine Aufmerksamkeit wieder auf die Straße lenkte und dort nun einunerwartetes Hindernis sah. Promelkow trat heftig auf die Bremse. Der Kombischlingerte, er schob über die Vorderräder aber dann griffen die Reifen wieder zuund wenige Zentimeter vor dem anderen Auto kam sein Wagen zum Stillstand.Promelkow wischte sich den Schweiß von der Stirn...

Das andere Fahrzeug stand quer und völlig Unbeleuchtet mitten auf der Fahrbahn.Für einen Moment war Promelkow wie benommen. Er spürte deutlich seinenHerzschlag und erst jetzt wurde er sich der Gefahr bewusst, in der er wohlgeschwebt hatte. Ein paar Sekunden geschah nichts, dann öffnete sich auf dervon Promelkow abgewandten Seite die Fahrertüre des anderen Wagens. Ein Mannstieg aus. Vorsichtig, sich immer wieder an seinem Fahrzeug festhaltend kam derMann dann langsam schlitternd auf Promelkow zu. Auch Promelkow stieg nun aus.

"Ein Reh", sagte der Mann. "Es ist jetzt schon fast eine halbeStunde her. Ich habe es zwar nicht überfahren, aber dafür den Baum dorterwischt." Sein ausgestreckter Finger wies an Promelkow vorbei.

Promelkows machte sich nicht die Mühe dem Fingerzeig zu folgen.

"Sie hätten vielleicht ein Warndreieck aufstellen sollen, HerrGrinat", sagte er ein wenig vorwurfsvoll. "Oder wenigstensStandlicht..."

Der andere Mann kniff die Augen zusammen. Er versuchte sein Gegenüber imgrellen Gegenlicht der immer noch aufgeblendeten Scheinwerfer von PromelkowsWagen zu erkennen.

"Oh", machte er schließlich. "Herr Promelkow!" Man konnteihm deutlich ansehen, dass es ihm unangenehm war diese Feststellung treffen zumüssen.

"Ja", sagte Promelkow.

Der andere Mann atmete tief ein. "Nun", sagte er, und er betonte das"Nun" als wäre es in der Lage die beklommene Stimmung zu heben."Der Wagen ist verzogen. Von dieser Seite sieht man es nicht so, aber ichbekomme weder die Motorhaube noch den Kofferraum auf."

Promelkow warf einen zweifelnden Blick auf das Schrägheck des anderen Wagens.Zur Not würde man den Kofferraum sicherlich auch von innen erreichen können.Der Mann bemerkte Promelkows Zweifel und lachte bitter.

"Erwischt!" sagte er. "Ich habe gar kein Warndreieck dabei. Estut mir leid. Ich wollte niemanden in Gefahr bringen. Was das Standlichtanbelangt..." Der Mann zuckte mit der Schulter. "Die ganze Elektrikscheint ausgefallen zu sein. Ich habe versucht den Wagen von der Straße zuschieben, aber alleine schaffe ich es nicht." Er blickte hinunter aufseine Füße. "Außerdem habe ich wohl nicht die richtigen Schuhe an. Viel zuglatte Sohlen. - Wenn sie so freundlich wären, Herr Promelkow..."

"Natürlich", sagte Promelkow.

Gemeinsam gelang es ihnen das Auto an den flachen Rand der Straße zu schieben.

"So kann er stehenbleiben", sagte Promelkow schließlich. "Ichglaube nicht, dass heute Nacht viel Verkehr herrschen wird. Ich würde ihnen jamein Warndreieck leihen, aber leider habe ich auch keines."

Sie lachten beide. Jeder für sich. So als wäre dies ein Witz gewesen, der nureinem selbst gehören konnte.

"So", Promelkow deutete auf den Kombi. "Steigen sie ein, HerrGrinat. Ich fahre sie zur Stadt, dort finden sie vielleicht einenAbschleppwagen, der bei diesem Wetter bereit ist... oder sie könnten zumindestdie Polizei informieren."

"Danke, Herr Promelkow“, sagte der Mann. "Ich hole nur noch etwas ausmeinem Wagen, und schließe ihn ab. Obwohl - klauen wird ihn wohl keiner."

"Nein, sicherlich nicht."

Als Herr Grinat die Beifahrertüre von Promelkows Wagen öffnete, zuckte er zusammen.Promelkow lächelte leise in sich hinein.

"Oh", sagte Herr Grinat. "Ich habe gar nicht gesehen..." Erwarf einen hilflosen Blick in den Laderaum des Kombis.

"Ja", sagte Promelkow. "Es ist ja auch sehr dunkel. Steigen sieein. Meine Passagiere beißen in der Regel nicht. - Nicht mehr..."

Promelkow fuhr vorsichtig an. Sie schwiegen. Wieder entfalteten dieSchneeflocken ihre hypnotische Wirkung. Wieder zogen die Bäume vorbei. DasRadio spielte ein altes Lied von Jim Croce.

Schließlich räusperte sich der Mann.

"Ich hätte erwartet, dass es wenigstens eine Scheibe zwischen..."Herr Grinat unterbrach sich. "Hören sie, Herr Promelkow", fuhr erdann unvermittelt fort. "Es war nicht allein meine Entscheidung. Siewissen ja selbst, dass es mit der Firma nicht zum Besten steht. Diekonjunkturelle Lage zwang uns förmlich..."

"Ja", sagte Promelkow bitter. "Ich war lange genug ihrBuchhalter. Es hat mich nur erstaunt, dass mein Posten sofort wieder vergebenwar."

Herr Grinat machte Anstalten sich über die Stirn zu streichen. Mitten in derBewegung stoppte er, schaute kurz auf seine Hand und ließ sie dann wiederfallen, als hätte er zuvor etwas Unreines damit angefasst. Etwas, das er jetztnicht auch noch mit seinem Gesicht in Berührung bringen wollte.

"Die moderne EDV verlangt..." Herr Grinat unterbrach sich. "Ichfreue mich jedenfalls, dass sie eine neue Beschäftigung gefunden haben. - Dabeisoll man ja sehr viel verdienen."

"Ich bin nur angestellt", entgegnete Promelkow. "Von derAbfindung konnte ich jedenfalls nicht leben."

Abermals schwiegen sie.

Der Schneefall ließ langsam nach. Der Wagen rutschte, als er einen Bahnübergangpassierte. Promelkow nahm noch weiter das Gas zurück. Die Straße wurde jetztkurviger. Immer wieder brach der Kombi leicht zur Seite aus. Geschickt lenktePromelkow dagegen. Beidseitig der Straße hatten mannshohe Büsche den Platz derAlleebäume eingenommen.

"Geht es der Firma jetzt wenigstens besser?"

Herr Grinat antwortete nicht. Ein klopfendes Geräusch kam aus dem Laderaum.

"Haben sie das gehört?" fragte Herr Grinat, wobei er unwillkürlichflüsterte.

"Was denn?" fragte Promelkow laut.

"Na, das Klopfen da hinten. Sie müssen es doch auch gehört haben."Herr Grinats Gesicht war blaß geworden.

Promelkow steuerte den Wagen vorsichtig durch eine enge Kurve.

"Da war es wieder. Da klopft doch jemand. Um Himmelswillen..."

"Beruhigen sie sich", sagte Promelkow. "In so einem Auto und beiso einem Wetter spielt einem die Phantasie manchmal einen Streich. - Ichjedenfalls habe nichts gehört."

Herr Grinat schaltete das Radio ab. "Da", sagte er.

"Nein", sagte Promelkow. "Meine Passagiere beißen nicht nurnicht – sie klopfen auch nicht. Früher vielleicht... Aber heute ist sich dieMedizin doch schon sehr sicher."

"Aber ich höre es doch deutlich!"

"Glauben sie mir, es war nichts." Promelkow schüttelte den Kopf."Es wäre ja auch schrecklich. Stellen sie sich nur einmal vor. Sieerwachen in so einer engen Dunkelheit und können sich kaum bewegen. Es ist stickig,und sie heben ihre Hand soweit es geht, und sie fühlen das Holz knapp überihrem Gesicht und dann reift langsam die Erkenntnis... Nein, so etwas möchteich sicherlich nicht erleben."

"Hören sie bloß auf", sagte Herr Grinat mit rauer Stimme. "Hörensie bloß auf. Ich habe es aber doch genau gehört."

"Dann hätte ich es aber doch auch hören müssen. Es ist sicher nur diePhantasie. Das ist ja auch wirklich eine beklemmende Atmosphäre."Promelkow seufzte. "Ich habe mich ja mittlerweile daran gewöhnt. – Wusstensie, dass sich früher viele Leute eine Kordel um das Handgelenk binden ließen.Diese Kordel war denn mit einem Glöckchen verbunden." Promelkow lächelte."Sicherlich haben sich die Leute immer bekreuzigt, wenn es windig war, undsie die Glöckchen auf den Gräbern hörten. – Einmal aber, hat so ein Glöckchenbei völliger Windstille gebimmelt und es hörte nicht auf. Als man den Mann dannendlich ausgegraben hatte, war es zu spät. Sein Gesicht soll ganz verzerrtgewesen sein, und man konnte den Schrei immer noch sehen."

Promelkow schaute zur Seite. Herr Grinat saß in sich zusammengesunken, mitwachsbleichem Gesicht im Beifahrersitz. Wieder fuhren sie durch eine Kurve.Abermals rollte die Thermosflasche gegen den leeren Sarg. Promelkow lächelte.

6 Comments


Recommended Comments

Hey, Du kannst echt super schreiben, ich hoffe, es kommt noch viel mehr davon.... ;):)

Hast Du schon mal überlegt, sie an Zeitungen als Kurzkrimis zu schicken???hättest bestimmt gute Chancen....

Liebe Grüße,

Susanne

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Hallo Susanne :-)

Danke!

Och, ich weiß nicht. Zeitungen können auf einen schier endlosen Vorrat an Schreiberlingen zurückgreifen. Da muss ich nicht auch noch auftauchen. Im Übrigen schreibe ich ja auch schon lange nicht mehr. Da ist mein Rücken entschieden dagegen.

Es gibt aber noch ein paar Promelkows.

Viele Grüße

Graf Duckula

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Hallo Graf Duckula,

die Geschichte ist auch wieder Super. ;) Gefällt mir sogar besser wie die Erste.... :daumenhoch:

Martina

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Pusteblümchen

Posted

Deine Geschichte ist gut.Auch ich musste zum Schluss :)

Lieben Gruß

Pusteblümchen

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