IgY – was die Antikörper aus Hühnereiern können und was nicht

Immunglobulin Y (IgY) taucht in letzter Zeit als neue, angebliche Wunderwaffe in der Behandlung für viele chronische Erkrankungen auf. Hier erfährst du, worum es sich bei Immunglobulin Y handelt, für welche Zwecke und Erkrankungen es tatsächlich hilfreich ist bzw. sein kann und wo die Forschung steht.

Immunglobulin Y soll angeblich bei Diabetes mellitus, Demenz, Multipler Sklerose oder auch rheumatischen Erkrankungen wirken. Einige Ärzte bieten entsprechende „Diagnostik“ mit anschließender „Behandlung“ an. Die besteht dann meist aus von ihnen selbst vertriebenen Präparaten. Da in solchen Fällen weder Diagnostik noch Behandlung von den Krankenkassen getragen wird, müssen Patienten die oft fachfremde „Diagnostik“ und „Behandlung“ selbst bezahlen.

Immunglobuline, auch „Antikörper“ genannt, werden vom Körper in bestimmten Zellen (B-Zellen) des Immunsystems auf einen Reiz („Antigen“) hin gebildet. Der Reiz kann von einem Fremd-Organismus wie einem Parasiten, von Bakterien oder einem Virus kommen, aber auch bei einer Störung des Immunsystems von körpereigenen Stoffen ausgehen.

Immunglobuline sind hochkomplexe Proteine, die sich als eine Art „Schlüssel“ an die Antigene (Schloss) heften und sie als Fremdkörper markieren.

Wo kommt Immunglobulin Y vor?

Im Laufe der Evolution haben sich die Immunglobuline weiterentwickelt und sich in verschiedene Formen für unterschiedliche Aufgaben entwickelt. Zur Übersichtlichkeit wurden sie von Forschern in Gruppen und Untergruppen eingeteilt und mit Buchstaben bezeichnet. Am Buchstaben ist so zum Beispiel ersichtlich, wo das Immunglobulin gebildet wird und welche Aufgaben es hat.

Das vor allem in Hühnereiern in hoher Konzentration vorkommende „Immunglobulin Y“ (kurz: IgY. Das Y stammt von „Yolk“, englisch für Eigelb) ist von seinem Aufbau her ähnlich dem menschlichen Immunglobulin G (IgG), das vor allem gegen Viren und Bakterien wirkt. Die Ähnlichkeit zeigt sich auch bei den Alternativ-Namen des IgY: „Hühner-IgG“, „Eigelb-IgG“ oder „7S-IgG“.

Die Ähnlichkeit zum menschlichen IgG und die einfache und preiswerte Herstellung führen seit längerem zur Verwendung im Labor und bei der Nutztierhaltung.

So wird IgY produziert

Zur Produktion von IgY werden Hennen mit einem Antigen in Kontakt gebracht. Sie werden „immunisiert“. Das heißt: Die Hennen bilden gegen dieses Antigen Antikörper. Die kommen dann auch in den gelegten Eiern vor. Aus den Eiern werden diese speziellen Antikörper zusammen mit den natürlich vorkommenden Antikörpern extrahiert. Nach Reinigung und Trennung der Antikörper sind diese dann zum Beispiel im Labor verwendbar.

Seit einiger Zeit wird IgY gegen einige Infektionserkrankungen eingesetzt – beispielsweise, wenn das Bakterium Helicobacter Pylori krank macht.

Der menschliche Darm, seine (Fehl-)Besiedlung mit Mikroorganismen und sein Anteil am Immunsystem sind seit einiger Zeit zu einem wichtigen Forschungsgebiet geworden. Das hat seinen Grund: Es ist wichtig, die genauen Mechanismen und Zusammenhänge zu kennen, bevor das Mikrobiom gezielt korrigiert werden kann – und falls ja, womit.

Die Antikörper-Produktion mit Hühner-Eiern aber ist nicht für alle Erkrankungen so einfach anwendbar. Und jetzt wird’s nochmal etwas komplexer: Zum Verständnis muss kurz auf den Unterschied zwischen „polyklonalen“ und „monoklonalen“ Antikörpern eingegangen werden.

Polyklonal und monoklonal – was heißt das?

Der Begriff „polyklonal“ setzt sich aus „poly“ (griechisch für viele) und „klonal“ (griechisch für Zweig oder Schoß) zusammen. Stammt eine Gruppe von Zellen von vielen verschiedenen Zellen ab, so spricht man von „polyklonal“. Werden Antikörper von unterschiedlichen Zellen gebildet, entstehen „polyklonale Antikörper“.

Gehen alle Zellen einer Gruppe auf eine einzelne Mutterzelle zurück spricht man von „monoklonal“ (griechisch für allein, einzig, ein) – von einer Mutter abstammend. Die Zellen sind identisch.

Für die Immunantwort auf beispielsweise einen Erreger ist ein polyklonaler Wirkstoff eher ein Vorteil, weil unterschiedliche Antikörper gerade so unterschiedlich sein können, dass sie an unterschiedlichen Orten, den sogenannten Epitopen (epi = griechisch für bei, auf; topos = griechisch für Ort) des Erregers angreifen können.

Was IgY von Medikamenten unterscheidet

Immunglobulin Y stammt aus den Eiern immunisierter Hennen, die gegen ein bestimmtes Antigen immunisiert wurden. Es sind also „polyklonale Antikörper“, die an verschiedenen Epitopen (Orten) eines Antigens ansetzten.

Die Herstellung eines „monoklonalen Antikörpers“ ist wesentlich aufwändiger. Eine einzelne Zelle wird vermehrt (geklont), womit alle entstehenden Tochterzellen identisch sind. Sie können daher auch nur an einem einzelnen Epitop eines Antigens ansetzen.

„Humane monoklonale Antikörper“, die zum Beispiel gegen Psoriasis eingesetzt werden, sind noch zielgerichteter. Sie bestehen nur noch aus menschlichen Aminosäuresequenzen und haben durch das schmale Wirkspektrum weniger unerwünschte Wirkungen.

Wen du vor der Behandlung mit IgY fragen solltest

Allgemein gilt bei Autoimmunerkrankungen, dass das Immunsystem stark und überschießend agiert. Daher sollten Mittel vermieden werden, die das Immunsystem „stärken“. Eine gesunde, abwechslungsreiche Ernährung mit viel Bewegung, auch im Freien, ist oft ausreichend.

Wer also allgemein eventuell auf das Immunsystem wirkende Nahrungsergänzungsmittel wie eben IgY einnehmen will, sollte das dringend mit seinem behandelnden Arzt absprechen – und nicht mit dem, der sie auch verkauft.

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? In unserer Community wurde über die Anwendung von IgY bei Schuppenflechte diskutiert. Wenn du wissen willst, wie andere darüber denken: Behandlung von Psoriasis mit IgY

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