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1861 - Mord auf der Strecke Mühlheim-Paris


Antje

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Über die Beschaffenheit des Bahnabteils hat man sich erst gar keine und später sehr viele Gedanken gemacht. Anhänger von „liberté“ „égalité“, und „fraternité“ glaubten sich fast schon am Ziel ihrer Träume: Männer und Frauen, arm und reich, alt und jung – alle in einem Abteil. Die Eisenbahn als Instrument der Demokratisierung. Aber wie das mit Idealisten so ist, während sie träumten, setzten die Bahngesellschaften, die mit solchem Unsinn nichts am Hut hatten, die Trennung schön fort. Reich saß in der ersten und zweiten Klasse, arm in der dritten und vierten. Für die ersten Klassen wurden die Abteile nach Kutschenformat (re-)konstruiert, d.h. in abgeschlossene kleine Einheiten gegliedert. Die unteren Klassen mussten sich mit großen Waggons zufrieden geben, die oft noch nicht mal überdacht waren. Zugang gab es nur von außen, eine Verbindung zwischen den Waggons existierte noch nicht. Nun passierte etwas, womit niemand rechnete, obwohl schlecht gesinnte Menschen die Isolation der Abteile bald als Gelegenheit für allerlei Schabernack erkannt haben mussten. Am 6. Dezember 1861 fuhr im Morgengrauen ein Zug im Bahnhof von Paris ein, aus dessen Abteilen eilig die Reisenden strömten, erschöpft von der langen Fahrt und mit allen Gedanken schon im vertrauten Heim. Der Bahnsteig leerte sich langsam, da fiel der Blick eines Bahnangestellten auf ein Abteil, das geschlossen geblieben war. Vermutlich war dort jemand fest eingeschlafen. Selbst schon mit den Gedanken bei einer schönen Schale Milchkaffee, einem warmen Croissant und den neuesten Klatschgeschichten der Kollegen, klopfte er lauter an die Tür des Abteils, als es sonst seine Art war. Doch nichts rührte sich im Inneren. Stille. Vorsichtig öffnete er die Tür und sah im kraftlosen Licht der abgedunkelten Abteillampe einen Körper zwischen den Sitzen liegen. Er streckte den Arm aus und berührte das Bein des Schlafenden, um ihn wachzurütteln. Erschrocken zog er ihn wieder zurück und betrachtete erstaunt seine Hand, die über und über mit Blut besudelt war.

Ja, so oder so ähnlich trug es sich zu damals, als man das erste Mordopfer in einem Bahnabteil fand. Es war der Gerichtspräsident Poinsot. Niemand hatte etwas gehört, niemand hatte etwas gesehen. Der Mörder wurde nie gefunden. Als in England im Jahre 1864 ein weiterer Abteilmord geschah, löste dies eine Massenpsychose aus. Mit der gemütlichen Reise war es vorbei. Wer in den ersten Klassen fuhr, taxierte misstrauisch über sein Reisebuch hinweg, die Mitreisenden. An Schlaf war nicht mehr zu denken. Jeder, der daheim Personal besaß, schleppte Koch, Köchin oder Gärtner mit, egal wohin, nur um nicht allein reisen zu müssen. Frauen suchten keinen Schutz mehr bei mitreisenden Männern aus Angst vor einer Vergewaltigung oder Schlimmerem und Männer mieden die Abteile allein reisender Frauen aus Angst einer Vergewaltigung oder Schlimmerem bezichtigt zu werden. Allerlei interessante Vorschläge gab es, um das Reisen sicherer zu gestalten, deren Aufzählung ich euch jedoch erspare. Eine Verbindung der Abteile durch einen Mittelgang konnte der Privatsphäre der reichen Europäer nicht zugemutet werden. Nach vielem hin und her brachte man an der Seite des Zuges einen Durchgang an, der die Isolation der Abteile bewahrte und dennoch Sicherheit schenkte. Während all dieser Zeit, als die oberen Schichten sich auf ihren Bahnreisen vor Angst fast in die Hosen machten, saßen die Passagiere der dritten und vierten Klassen gesellig beisamen, aßen, schliefen, zankten sich, lachten zusammen und erzählten sich mit gesenkter Stimme von den Morden in Frankreich und England. Einer wusste dies und der andere wusste das und allen liefen wohlige Schauer über die Rücken, froh in guter Gesellschaft zu sein.

1 Kommentar


Empfohlene Kommentare

Claudia

Geschrieben

Ich fahre trotzdem gern Zug, sitze aber lieber im Großraum-Abteil. Wirkt luftiger, und spätestens, seitdem auf der Bahn gar nicht mehr geraucht werden darf, ist auch die Luft okay.

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