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  • Rolf Blaga
    Rolf Blaga

    Dem Juckreiz auf der Spur

    In Münster fand Mitte September 2012 das 3. Münsteraner Pruritus-Symposium statt – eine Veranstaltung für Ärzte zum Chronischen Juckreiz (Pruritus) statt. Das Psoriasis-Netz war dabei und hat die wichtigsten Fakten zusammengetragen.

    Als „chronisch“ gilt ein Juckreiz, der länger als sechs Wochen anhält. Bis vor einigen Jahren wurde das oft als reine Begleiterscheinung angesehen und "nebenbei" mitbehandelt. Den Patienten wurde eingeredet, sie müssten damit leben. Inzwischen weiß man, dass Juckreiz durchaus eigenständig therapiert werden muss – abhängig davon, wodurch er verursacht wird.

    Es sind nicht nur Hautkrankheiten, die einen unerträglichen Juckreiz verursachen können, sondern auch Erkrankungen wie Aids, Nieren- und Leberschäden oder Nervenleiden. Ursache können aber auch Kontaktstoffe, Medikamente, Mangelerscheinungen, Lebensmittel oder psychologische Belastungen wie Stress sein. Je nachdem, wodurch ein Juckreiz ausgelöst wird, muss er mit unterschiedlichen Wirkstoffen behandelt werden. In schweren Fällen kann das sehr zeitaufwendig sein und ein bis zwei Jahre dauern. Patient und Arzt müssen geduldig die bisher bekannten Behandlungsmöglichkeiten ausprobieren und individuell anpassen. Für die meisten Pruritus-Arten gibt es keine aktuellen Studien.

    Münster

    Im deutschsprachigen Bereich sind es vor allem die Teams um Professor Elke Weisshaar (Heidelberg) und Professor Sonja Ständer (Münster), die dem Phänomen wissenschaftlich auf den Grund gegangen sind. Ihnen ist es zu verdanken, dass es inzwischen eine Leitlinie Chronischer Pruritus gibt, die Anfang 2012 noch einmal aktualisiert wurde. Die wichtigsten Therapien für Psoriasis- und Neurodermitis-Patienten, die unter chronischem Juckreiz leiden, werden in einem gesonderten Artikel festgehalten.

    Empfehlenswerte Information für Patienten

    Juckreiz-Ambulanzen gibt es zur Zeit in Münster, Heidelberg, München und Berlin. Geplant ist eine in Erlangen. Empfehlenswert ist die „Patienteninformation zum Symptom Juckreiz“.

    Professor Clemens Forster verwies darauf, dass das Gehirn lernt. Ähnlich wie beim Schmerz-Gedächtnis wird ein Juckreiz als intensiver empfunden, wenn er erneut auftritt. Patienten hören dann auf zu kratzen, wenn das Kratzen als weniger angenehm empfunden wird. Der Wirkstoff Naltrexon (Adepend,  Nemexin sowie Generika, in Österreich: Dependex, Ethylex, Naltrexin, Revia ) führt dazu, dass Kratzen als weniger angenehm empfunden wird.

    Dr. Astrid Stumpf und Professorin Bettina Pfleiderer haben geschlechtsspezifische Unterschiede untersucht: Zum Beispiel empfinden Frauen Juckreiz intensiver, haben ein stärkeres Kratzbedürfnis und öfters Juckreiz-Attacken als Männer. Das ist sogar im Gehirn messbar. Frauen leiden eher an nerven-bedingtem (neuropathischem) Juckreiz, während er bei Männern mehr durch Hautkrankheiten verursacht ist. Bei Frauen hilft dagegen eher Kälte, bei Männern Wärme.

    Nicht die gleichen Nervenbahnen

    Korrigiert wurde die Annahme, Juckreiz und Schmerz schließen sich aus, weil sie die gleichen Nervenbahnen benutzen. Bei Professorin Esther Pogatzki-Zahn gaben etwa 30 Prozent der befragten Hautpatienten an, gleichzeitig Juckreiz und Schmerzen zu haben. In diesen Fällen gilt, je höher der Juckreiz, desto stärker das Schmerzempfinden. Die Balance zwischen beiden ist aber tatsächlich individuell sehr unterschiedlich.

    Der Wirkstoff Alitretinoin (Toctino®) ist von Dr. Claudia Zeidler (off-label) erfolgreich gegen Juckreiz eingesetzt worden. Er verschwand bei 92 Prozent Patienten; bei 86 Prozent ging das Brennen auf der Haut zurück. Sie berichtete über eine große Studie von Professor Ruzicka, bei der damit immerhin noch bei 52 Prozent der Juckreiz zurückging. Eine Kapsel kostet 22 Euro. Generell gelten für Retinoide (Vitamin-A-Derivate) viele Einschränkungen und Risiken schwerer Nebenwirkungen. So steht es auch im Beipackzettel. In Veröffentlichungen über Alitretinoin wird aber hauptsächlich nur von Kopfschmerzen und veränderten Blutfettwerten berichtet. In unserem Forum diskutieren Toctino®-Anwender ihre unterschiedlichen Erfahrungen mit Wirkungen und Nebenwirkungen.

    Als „die Innovation“ gegen den Juckreiz beim atopischen Ekzem (Neurodermitis)  mit extrem wenig Nebenwirkungen bezeichnete Professor Thomas Luger den Wirkstoff Aprepitant (Emend®) Da es noch keine abgesicherten Studien gibt, kann das Medikament bisher nur off-label in schweren Fällen des chronischen Juckreizes und nur von spezialisierten Behandlungszentren verschrieben werden.

    Juckreiz bei Psoriatikern

    Sehr ausführlich hat sich Professorin Elke Weisshaar mit dem Juckreiz bei Psoriatikern beschäftigt. In Studien nannten zwischen 64 und 84 Prozent der befragten Psoriatiker Juckreiz als das zweithäufigste Symptom. Trotzdem seien die Juckreiz-Attacken bei Neurodermitikern schwerer, häufiger und intensiver als bei Patienten mit Psoriasis. Auch sie bestätigte, dass Frauen deutlich häufiger Pruritus-Symptome beschreiben als Männer. Psoriatiker mit Juckreiz sind auffällig öfters depressiv und leben zurückgezogener. Je stärker der Juckreiz ist, desto depressiver, aufgeregter und unkonzentrierter sind die Betroffenen. Stress und das Gefühl, von anderen gemieden zu werden („Stigmatisierung“) verstärken den Juckreiz. Eine erfolgreiche Behandlung der Haut und des Juckreizes lässt die Depression zurückgehen.

    Eine Neuheit gegen Juckreiz auf trockener Haut stellte Dr. Gitta Neufang von BFD Beiersdorf vor. Eine Creme mit einem Menthol-Derivat (Cooling Compound®) wird als kühlend empfunden und hat bei 60 Prozent der Testpersonen den Juckreiz verringert. Auf mehrmalige Nachfrage, wann das Produkt auf den Markt kommen würde, hat uns die Beiersdorf AG bisher nicht geantwortet.

    Professorin Petra Staubach wies die anwesenden Ärzte darauf hin, dass gegen Juckreiz nicht in allen Fällen teure Marken-Produkte verschrieben werden müssen. Es gibt ein Vielzahl von Apotheken-Zubereitungen, die inzwischen durch zahlreiche Veröffentlichung abgesichert sind („Magistral-Rezepturen“). Den Wirkstoff Capsaicin zum Beispiel gibt es als Fertigpräparat nur in einer Dosierung. Sinnvoll ist es aber, sich mit niedrigeren Dosierungen „einzuschleichen“. Das geht nur über eine Rezeptur. Auch der Juckreiz an Schleimhäuten ist am besten durch eine Zubereitung aus Zink und Polidocanol zu behandeln.

    Als netten Gag wies Professorin Sonja Ständer daraufhin, dass es in den 80er Jahren eine DDR-Musik-Band mit dem Namen Juckreiz gab.


    Bildquellen

    • Münster: Bildrechte beim Autor
    • Juckreiz bei Psoriasis: rainbow33 - Fotolia.com

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    Recommended Comments

    ....meine frau hat vor einigen tagen eine sendung gesehen in der eine 14-tägige spritze gegen juckreiz vorgestellt wurde. einem patienten, der dort auch zu wort kam, hat diese sprizte geholfen. der juckreiz war so gut wie weg.leider hat sie sich nicht den namen der fernsehsendung gemerkt.ich bin auch ein chronisch betroffener und hoffe, einer der leser kann diesbez. weiterhelfen.besten dank

    kh grömping

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    • Claudia Liebram
      By Claudia Liebram
      "Neurodermitis – das ist die Krankheit, bei der sich die Leute so viel kratzen. Schuppenflechte juckt nicht so stark." Seit Jahren zeigt sich immer öfter, dass diese Meinung genau eins ist: eine Meinung. Die Fakten sprechen eine andere Sprache. Das bestätigt jetzt eine Studie. Zwei Forscherinnen in den USA haben sich angeschaut, was in 19 hochwertigen Untersuchungen zum Thema Juckreiz bei Neurodermitis und Psoriasis herausgefunden worden war.
      Das Ergebnis: Auf einer Skala von 0 bis 100 landete der Juckreiz bei Neurodermitis bei 62,87. Bei der Schuppenflechte betrug er 63,03 – sogar ein klitzekleines bisschen mehr. Für Statistiker ist das aber noch keine deutliche Abweichung.
      Und jetzt? Die beiden Forscherinnen schlagen vor, dass der Juckreiz in künftigen Studien zum Thema Psoriasis immer auch Thema sein sollte.  Schließlich lässt sich am Juckreiz auch erkennen, wie zufrieden jemand mit einer Therapie ist oder wie es um seine Lebensqualität steht.
      Juckreiz kann stark sein – egal, wie schwer die Schuppenflechte ist
      Auch Dr. David Roblin und Dr. Ro Wickramasinghe aus Großbritannien zeigten in einer Studie im Jahr 2014, dass der Juckreiz viele Menschen mit Schuppenflechte fest im Griff hat. Sie hatten die Daten von 158 Patienten ausgewertet, die an einer Studie für eine neue Salbe teilnahmen und eine leichte bis mittelschwere Psoriasis aufwiesen. 68,8 Prozent der Studienteilnehmer litten an einem mittelschweren Juckreiz, 33,8 Prozent an schwerem Juckreiz. Das bestätigte bis dahin schon bekannte Zahlen, in denen von 70 Prozent mit einem mittelschweren Juckreiz ausgegangen worden war.
      Unklar war aber, ob der Juckreiz stärker ist, wenn auch die Psoriasis stärker ist. Und genau das konnten die Forscher nicht bestätigen: Sie fanden keinen streng wissenschaftlichen Beweis dafür,  dass eine schwere Schuppenflechte mit einem stärkeren Juckreiz einhergeht. Für die Forscher ist vielmehr klar: Die Stärke des Juckreizes bei Psoriasis-Patienten ist unabhängig davon, wie schwer die Schuppenflechte ist. Und: Die gängigen Psoriasis-Medikamente wie Kortisonsalben oder Vitamin-D-Cremes richten sich gegen die Entzündung, nicht aber gegen den Juckreiz. Der ist aber für viele Betroffenen das quälendste Symptom, und so würden viele lieber zuerst den Juckreiz behandelt wissen.
      Die Wirkung der gängigen Medikamente auf den Juckreiz aber war nach Meinung der Forscher bis zum Zeitpunkt ihrer Studie nicht in anderen Studien berücksichtigt worden. Also zogen die Wissenschaftler das Fazit: Forscher und Ärzte müssten mehr Aufmerksamkeit darauf legen, Therapien gegen den Juckreiz bei Psoriasis und anderen Hauterkrankungen zu entwickeln.
      Quelle: "Itch intensity in moderate-to-severe plaque psoriasis versus atopic dermatitis: A meta-analysis" in: JAAD, Juni 2017
    • Claudia Liebram
      By Claudia Liebram
      Mit einer Videobrille lässt sich der Juckreiz lindern – auch bei Schuppenflechte. Entdeckt wurde das eher zufällig, doch jetzt wollen Forscher in Oldenburg mehr wissen.
      An der Hautklinik der Uniklinik Oldenburg bekommen Patienten auf der Station schon mal eine Videobrille "verordnet". Gezeigt werden wahlweise Filme, die der Ablenkung und Entspannung dienen – aber nicht einfach, um die Tage schneller herumgehen zu lassen: Die Brille soll dafür sorgen, dass die Haut nicht mehr so juckt.
      Dabei war sie ursprünglich gar nicht für diese Anwendung gedacht. Vielmehr fing alles bei den Patienten mit Schmerzen an. Aber wie Menschen an langen Nachmittagen so sind: Die Bettnachbarn der "Brillenträger" wollten das Gerät auch mal ausprobieren. Und siehe da – bei ihnen ging der Juckreiz zurück.
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      So sieht sie aus, die Videobrille
      Zuvor waren auf der Station insgesamt drei Systeme getestet worden: eines mit Virtual Reality, eines mit Augmented Reality Brille und die schmale weiße "audiovisuelle Stimulation Brille". Das Fazit der Patienten nach drei Monaten sprach deutlich für Letztere. Als Gründe gaben sie an, dass die anderen beiden Modelle eher unruhig machten, weil sie zum Mitmachen und Umherschauen animierten.
      Die nun favorisierte Videobrille kam vor einigen Jahren unter dem Namen "Cinemizer" auf den Markt. Sie hat zwei kleine OLED-Bildschirme. Die lassen es so wirken, als säße ihr Träger zwei Meter weit von einem 40-Zoll-Fernseher entfernt. Nach einer Einstellung der Sehschärfe kann gewählt werden, welcher Film es sein soll – und los geht's mit der Entspannung und Ablenkung.
      Professor Ulrike Rapp, die Direktorin der Hautklinik, sagt: "Alles, was dazu beiträgt, dass sich unsere Patientinnen und Patienten wohler fühlen, wirkt sich positiv auf die Heilung aus. Deshalb haben wir nun die Videobrille auf der Station regelmäßig im Einsatz.“ Sie und ihre Kollegen erhoffen sich einen einfachen und kostengünstigen Therapieansatz. Der könnte am Ende sogar dafür sorgen, dass Menschen mit Juckreiz weniger Medikamente brauchen – oder gar keine mehr.
      Du glaubst, du hast schon alles gegen diesen verdammten Juckreiz probiert? Wir haben da eine Checkliste für noch mehr Ideen gegen das Kratzen.
    • Claudia
      By Claudia
      Liebe Leser,
      vom 17. bis 19. Dezember 2012 wird es wieder ein Expertenforum geben - und zwar zum Thema Juckreiz. Diesmal antworten gleich drei Expertinnen vom Kompetenzzentrum Chronischer Pruritus am Universitätsklinikum Münster: Professor Sonja Ständer, Fiona Schedel und Dr. Claudia Zeidler.
      Sammelt Euch und Eure Fragen schon mal - zum Juckreiz bei Psoriasis, aber auch zum Juckreiz aller Art, egal, welche Ursache er hat. Da gibt es vielleicht bei manchem im Bekannten- und Verwandtenkreis auch Fragen.
      Zu gegebener Zeit richten wir dann die Rubrik ein, in der Ihr Eure Fragen loswerden könnt. Wer es eilig hat, kann seine Fragen aber auch jetzt schon hier reinschreiben, wir kümmern uns um den Rest.
    • PtrckSbstn
      By PtrckSbstn
      Hallo meine Lieben,
      momentan habe ich mal wieder extreme Probleme mit meiner Haut.
      Seit ungefähr 5 Wochen plagt mich ein extremer Juckreiz, so schlimm wie noch nie. Selbst in "Pso-Höchstzeiten" als ich wirklich unzählbar viele Flecken hatte, war das nie so schlimm.
      Momentan ist meine Haut optisch sehr gesund. Ich habe nur wenige, etwa Stecknadelkopfgroße, Flecken an den Füßen, den Händen und dezent am Bauch.
      Trotzdem jucken meine Beine, Oberkörper und Arme extrem und es will einfach nicht aufhören. Ich kann Nachts manchmal nicht schlafen, weil es mich in den Wahnsinn treibt.
      Warum juckt es obwohl nichts von der Pso zu sehen ist, bis auf diese wenigen kleinen Stellen?
      Habt ihr vielleicht Tipps? Hatte noch jemand mal dieses Problem?
      Liebe Grüße!

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