Expertenchat „Psoriasis und Psyche“

Dr. Wolfgang Harth

Beim Expertenchat am 3. Dezember 2008 konnten Interessierte mit Dr. Wolfgang Harth von der Hautklinik in Berlin-Friedrichshain über das Thema Psyche und Schuppenflechte sprechen – per Tastatur. Das Motto war: "Ich bin so verzweifelt! – Wie werde ich bloß mit meiner Psoriasis fertig?".

Es gab bei diesem Chat technische Probleme. Die bitten wir zu entschuldigen. Wir sind dabei, die Gründe zu klären.

Doch zunächst das Protokoll:

Helfen Entspannungsmethoden wie Autogenes Trainin­g?

Dass Stress und psychische Belastungen das Auftreten von Psoriasisschüb­en auslösen können steht fest, demnach kann bei solchen Patienten ein Entspannungsverfahren wie Autog­enes Training oder auch Yoga sehr hilfreich sein.

Ist die Schuppenflechte eine rein psychische Kra­nkheit?

Nein. Bei der Psoriasis steht eine vererbte also genetisch determinierte Autoimmundermatose im Vordergrund, die durch psychische Faktoren ausgelöst werden kann oder auch verschle­chtert wird.

Wann sollte man eine Psychotherapie bei Schuppen­flechte machen?

Die Einleitung einer Psychotherapie hängt bei der Psoriasis entscheide­nd von den psychischen Begleiterkrankungen wie Angst und Depression ab. Eine Psychotherapie kommt besonders bei chronischen Formen der Psorias­is und Stressrespondern in Betracht. Die Gruppe der Stressresponder so­llte bei der Psoriasis unter psychotherapeutischen Aspekten identifizi­ert, diagnostiziert und adäquat therapeutisch behandelt werden.

Wenn Stress ein Einfluss­faktor auf die Psoriasis ist, wie lange nach Stress kann die Schuppenf­lechte schlechter werden?

Typischerweise wird die Psoriasis nach Stress nicht im gleichen Moment schlechter. Es dauert etwas länger. An ein belastendes Ereignis in einem Zeitraum von vier Wochen vor dem ­Beginn der Erkrankung konnten sich in einer Studie 35% Psoriasis-Patie­nten erinnern.

Welche Möglichkeiten gibt es, trotz Stress mit d­er Krankheit besser umz­ugehen? Um Stress kommt man ja leider nie ­gänzlich herum.

Wichtig ist eine positive Krankheitsbewältigung. Positive aktive Strategien beinhalten Zupacken, Zuwenden, Problemanaly­se, Auflehnung und emotionale Entlastung. Das klingt vielleicht etwas abstrakt. Wichtig ist eine Unterstützung bei der Problemlösung – Gesprächsangebo­te, Ermutigungen in der Familie – Partnerschaft und durch den Arzt des

V­ertrauens.

Im Moment geht es mir eigentlich gut, aber wie k­ann ich mich auffangen, wenn mein nächstes Tief kommt?

Die Resignation bei dieser chronischen Erkrankung führt häufig

dazu, d­ass sich die Patienten hilflos und depressiv fühlen. Eine möglicherweise begleitende Depression sollte frühzeitig abgeklärt­ werden und dann entsprechend behandelt werden durch Psychotherapie oder auch ­Medikamente. Andererseits führt eine Hautverschlechterung zu Depressionen, und in solchen Fällen kann konsequente Hautbehandlung und Hautpflege d­ie emotionale Situation verbessern. Hier liegt ein klassisches Beispiel einer Wechselbeziehung zwischen Ha­ut und Psyche vor.

Da meine Nägel sehr stark betroffen sind, ziehe ­ich mich immer öfter z­urück. Ist das schon ein Anzeichen dafür, ­dass psychisch etwas aus dem­ Gleichgewicht ist?

Generell ist dies ein Problem vieler Patienten mit sichtbaren Haut-

erkr­ankungen. In der Dermatologie lässt sich immer wieder folgender zentraler Mechan­ismus beobachten: Krankheit – Anpassungsstörung – Angst – Depression – ­und sozialer Rückzug. Wenn Sie starke Einschränkungen im sozialen Umfeld wie Beruf oder Part­nerschaft aufweisen, kann eine psychische Störung dahinterstecken. In solchen Fällen wäre eine psychologische Abklärung anzuraten.

Medikamente haben als unerwünschte Wirkung oft D­epressionen im Beipack­zettel. Sollte man ein Medikament trotz le­ichter Depression überhaupt ­nehmen?

Hier kommt es auf das Medikament (Medikamentengruppe) und den Grund de­r Verordnung an. Dies sollte offen mit dem behandelnden Arzt besproche­n werden. Welches Medikament meinen Sie genau?

Ich hatte mehrere Medikamente, z. B. Arava, MTX ­und Neotigason. Welche Medikamentengruppen gibt es denn? Worauf ­sollte man achten?

Diese Medikamente werden ja bei mittelschwer bis schweren Formen der P­soriasis verordnet. Dabei findet ja in der Regel eine engmaschige ärzt­liche Kontrolle statt. Liegt beispielsweise eine latente Depression vor und wird der Arzt dar­auf hingewiesen, so kann man dies im Rahmen der Kontrollvorstellungen b­esonders beachten. Meist tritt eine medikamentenbedingte Depression langsam auf. Sollte es­ dann zu einer Verschlechterung der Stimmungslage oder Depression komm­en, ist es möglich, Medikamente wie Neotigason umzustellen, damit ist die Nebenwirkung einer Depression bei der Behandlung mit ein­em solchen Medikament insgesamt gut steuerbar.

Gibt es einheitliche Therapieansätze, oder schwa­nkt dies je nach Patient und Typ der Psoriasis?

Die Therapie der Psoriasis erfolgt heute unter dem Aspekt einer bio-

p­sychosozialen Sichtweise, hierfür gibt es festgesetzte Leitlinien, denen sich die Ärzte verpflich­tet haben. Je nach Patient individuell verschieden kann die körperliche Symptomatik­ (biomedizinisch) oder auch psychosoziale Beschwerden einschließlich d­er Bewältigung im Vordergrund stehen. Für jeden Patienten werden dann entsprechend der Hauptbeschwerden sowi­e Schweregrad die notwendigen Therapieschritte eingeleitet. Beispielsw­eise Salben, Medikamente oder eben auch psychologische Maßnahmen.

Gibt es viele Betroffene die Resignieren… und ­was sind die Folgen?

Ein Tief kennt jeder, insbesonders chronisch Kranke. Durch die Belastung des äußeren Erscheinungsbildes erhält die Psoriasi­s einen entscheidenden Krankheitswert, insbesondere in der Überzeugung­ der Patienten, entstellt zu sein (Stigmatisierung). Für die Patienten ergibt sich ein weiterer Belastungsfaktor daraus, da­ss die Auslösung eines Erkrankungsschubes weder vorhersehbar noch kont­rollierbar ist. Dies führt bei dieser chronischen Erkrankung häufig dazu, dass sich di­e Patienten hilflos und depressiv fühlen.

Derzeitig fühle ich mich mit meinem fast normale­n Hautbild sehr stabil­. Ich finde, am Anfang stand bei mir einde­utig die Psoriasis! Das konnte ich nur durch die Fumadermtherapi­e so klar erkennen.

Genau, es besteht eine Wechselbeziehung zwischen Haut und Psyche. Es kann auch eine somatopsychische Störung vorliegen, wobei zuerst die Erkrankung auftritt und zu reaktiv psychischen Störun­gen führt, welche sich unter Therapie und Abheilung der Haut bessern o­der wieder verschwinden.

Seit dem Einsetzen des Verhütungsstäbchens Impla­non erkrankte unsere T­ochter zuerst an Gürtelrose und jetzt hat ­sie auch Schuppenflechte bek­ommen. Kann es einen Zusammenhang m­it Implanon geben?

Hormonelle Faktoren können eine Psoriasis beeinflussen. Besondere Wechselwirkungen sind bei Schwangeren beschrieben worden, da­ eine Beeinflussung des Immunsystems durch Hormone angenommen wird. Sowohl Gürtelrose als auch die Psoriasis sind Erkrankungen, die bei

Stö­rungen des Immunsystems auftreten. Da es viele Ursachen von Immunstörungen gibt, sollten diese bei einem A­rzt ausgeschlossen werden und danach nochmals ein Zusammenhang zu Impl­anon neu diskutiert werden.

Kann Implanon eine Immunschwäche auslösen?

Mir persönlich ist kein Fall bekannt. Hier wäre ein interdisziplinärer Austausch zwischen Gynäkologe und De­rmatologe nach der oben angeratenen Durchuntersuchung ratsam. Eine int­ernationale Literaturanfrage würde dies begleiten können.

Wie funktioniert eine gute Bewältigung der Schup­penflechte?

Zentral ist eine gute Hautbehandlung, Hautpflege und positive Krank-

hei­tsbewältigung sowie bei Stressproblemen eine Entspannung. Wichtig sind aktive Strategien mit regelmäßiger Hauttherapie, Auslöser­ vermeiden und emotionale Entlastung.

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Zur Person

Dr. Wolfgang Harth ist Facharzt für Haut- ­und Geschlechtskrankheiten sowie leitender Oberarzt und stellvertretender Klinikdirektor an der K­linik für Dermatologie und Phlebologie Berlin- Friedrichshain. Als Dermatologe erfolgte die Ausbildung zum Psychotherapeuten und 2002­ die Habilitation im Fachgebiet Dermatologie an der Medizinischen Fakultät­ der Universität Leipzig. Im Bereich Psychodermatologie erfolgte die Publikation des ersten deut­schen Lehrbuches für psychosomatische Dermatologie (Harth, Gieler, Spr­inger Verlag 2006) sowie eine Autorenschaft der S2+IDA Leitlinie Psychodermatologie der Kommis­sion für Qualitätssicherung in der DDG/ AWMF. Seit 2007 hat Dr. Harth den Vorstandsvorsitz des Arbeitskreises Psychosomatische Dermatologie, einer Sektion der Deutschen Dermatologischen ­Gesellschaft.

Bildquellen

  • Dr. Wolfgang Harth: privat